Titel: Audrey
Autor: callisto24
Charaktere:
Audrey,Curtis,Bill,Chloe
Genre: Drama, Romance
Thema: nach Season4
AU
Rating: PG-13
Anmerkungen: Nichts davon gehört mir, kein Geld wird
verdient.
* * * * *
Audrey fragte sich ernsthaft,
was für ein Teufel sie bei der Entscheidung für ihre heutige Garderobe geritten
haben könnte. Normalerweise war es ihr ein inneres Bedürfnis sich in
unauffälligen, gedeckten Farben zu kleiden, in Farben, die ihrem Image und ihrer
Stellung entsprachen. Nach Jacks Tod war Bill auf sie zugekommen und hatte sie
gebeten, ihn in der wichtigen Position eines Vermittlers zwischen Washington und
dem Zentrum der Antiterroreinheit in Los Angeles zu unterstützen. Damit hatte er
ihr eine Perspektive geboten, und zugleich die Möglichkeit Jacks und auch Pauls
Andenken in angemessener Form zu ehren. Sie hatte sich in der Folge bemüht ihre
Trauer zu bezwingen und in Los Angeles einen neuen Anfang versucht. Zu ihrem
Erstaunen war ihr gerade Tony in der ersten Zeit besonders behilflich gewesen.
Manchmal kam es ihr beinahe vor, als versuchte er etwas wieder gut zu machen,
und doch wollte ihr kein Grund einfallen, warum ausgerechnet er, sich in
irgendeiner Weise schuldig fühlen sollte. Obwohl er nicht mehr in der CTU
arbeitete, war er dennoch regelmäßig anwesend, und zögerte dann auch nicht, ihr
in den unwesentlichsten Kleinigkeiten geduldig unter die Arme zu greifen. Auch
Michelle und Chloe hatten immer wieder den Kontakt gesucht, ihr bei Fragen, wie
der Wohnungswahl und Einrichtung freundlich beigestanden. Wahrscheinlich litten
sie alle unter dem schrecklichen Ende, das dieser Tag genommen hatte, dieser
Tag, den sie Zeit ihres Lebens nicht würde vergessen können, und der ihr so viel
genommen hatte. Mehr oder weniger unbewusst hatte sie seitdem ihre Vorliebe für
natürliche Farben auf dunkle Töne beschränkt. Ihrem Gefühl nach wäre es nicht
möglich gewesen etwas anderes zu tragen, wenn sie das Gebäude durchschritt,
dessen Gerüche und Geräusche sie jeden Tag aufs Neue an Tod und Verlust
erinnerten. Nur an diesem Tag war etwas anders. Beinahe fühlte sie sich fehl am
Platz, als sie ihre Keycard überprüfen, und die Sicherheitssperre hinter sich
ließ. Nicht, dass der Wachmann etwas gesagt hätte, aber sie glaubte doch seinen
erstaunten Blick in ihrem Rücken zu spüren. Seltsamerweise war es ausgerechnet
Chloe gewesen, die sie auf dieses Kostüm aufmerksam gemacht hatte. Sie hatten
über den Einzug in ihre neue Wohnung gesprochen, und irgendwie waren sie auf die
Idee gekommen, sich noch auf einen Drink zu verabreden. Chloe war entspannter
gewesen als normalerweise, beinahe gut gelaunt, und Audrey hatte den Eindruck
dieses ungewohnte Verhalten könnte mit dem neuen Kollegen zusammenhängen, den
sie gerade einarbeitete. Ein wenig beschwipst hatten sie beide auf ihr Taxi
gewartet, als ihnen die Schaufensterauslage eines Modehauses auffiel. “Das ist
wirklich ein himmlisches Kostüm!” hatte Chloe geseufzt und sie auf ein schlicht
geschnittenes, dunkelrotes Kleidungsstück hingewiesen. “Es ist so, so ...
direkt!”
“Etwas auffällig vielleicht!” hatte sich Audrey gedacht, aber nicht
umhingekonnt die Eleganz des Designs zu bewundern. “Ist nur absolut nicht mein
Stil. Aber für dich, Audrey, wäre es genau richtig!” Lächelnd hatte sie den Kopf
geschüttelt, aber sich im Lauf der Zeit doch überreden lassen es wenigstens in
Erwägung zu ziehen. Und seit gestern gehörte es ihr, und sie musste zugeben,
dass Chloe recht behalten hatte. Sie fühlte sich wie ein neuer Mensch, wie
befreit von der Düsternis, an die sie sich, als ihren ständigen Begleiter
gewöhnt hatte. Vielleicht bedeutete dies, dass sie doch imstande war sich von
der Vergangenheit zu lösen und wieder nach vorne zu blicken. Während sie auf den
Fahrstuhl wartete, strich sie ihren Rock glatt und genoss das glatte, seidige
Gefühl unter ihren Händen. Es war ihr klar, dass sie in diesem Umfeld aus dem
Rahmen fallen musste, aber auf eine unerklärliche Art war ihr das heute
gleichgültig. Sie betrat ihr Büro und bemerkte den Stapel an Akten und Notizen,
der sich während der Nachtschicht wieder angesammelt hatte. Beim Aufblicken fing
sie ein Grinsen Chloes durch die gläsernen Scheiben auf. Lächelnd nickte sie
zurück. Dabei fiel ihr Blick auf Bill Buchanan, der direkt auf sie zu eilte. Für
einen kurzen Moment dachte sie wirklich, es würde um ihre Garderobe gehen und
spürte wie ihr das Blut ins Gesicht steigen wollte. “Was für ein Unsinn!” sagte
sie sich und schüttelte den Kopf. Als ob es hier keine wichtigeren Themen gäbe.
“Es tut mir leid, Audrey!” begann Bill, nachdem er den Raum betreten hatte und
musterte sie etwas irritiert, nicht ohne sich in Sekundenschnelle wieder im
Griff zu haben. “Ich weiß, dass du viel zu tun hast, aber es hat sich etwas
ereignet, wobei wir deine Hilfe brauchen werden.” Audrey sah in fragend an.
“Es geht um deinen Bruder, er scheint in Schwierigkeiten zu
sein.”
Erschrecken mischte sich mit Schuldgefühlen. Obwohl Richard auch hier
wohnte, hatte sie ihn bis jetzt so gut wie gar nicht zu Gesicht bekommen. Mit
Sicherheit war er immer noch aufgebracht. Richard gehörte nicht zu den Menschen,
die so schnell vergaßen. Das ohnehin bereits gestörte Verhältnis zu ihrem
gemeinsamen Vater würde sich wohl nie wieder kitten lassen, und auch sie gehörte
für ihn nach wie vor zu einem System, das er von ganzem Herzen ablehnte. Wie
könnte er auch ahnen, dass sie langsam anfing die Beweggründe seines Denkens und
Handelns zu verstehen. Der starke Einfluss, den ihr Vater seit ihrer Kindheit
auf sie ausgeübt hatte, war an diesem Tag erschüttert worden. Sie hatte zu viel
gesehen, zu viel erlebt um seine Sicht der Dinge hinnehmen zu können ohne sich
Fragen zu stellen. Vielleicht hatte Richard in seinem pubertären Bemühen um
Opposition, unbewusst einen Weg gewählt, der größere Chancen auf eine sinnvolle
Lösung der aktuellen Probleme aufwies, als die streng konservative Richtung des
Verteidigungsministers.
“Was ist mit ihm?”
Bill zögerte ein
wenig.
“Es scheint, als wäre er während einer Demonstration vor dem
Bürokomplex eines Waffenherstellers festgenommen worden.” “Das wäre nicht das
erste Mal!” erwiderte Audrey verwundert.
“Ja! Das Seltsame an der Sache ist,
dass er anscheinend irgendwie aus der Polizeiverwahrung verschwunden ist.” “Ein
Ausbruch?”
Er schüttelte den Kopf.
“Dafür gibt es keine Anzeichen. Nein,
die Sache scheint verworrener!”
Audrey war beunruhigt.
“Die
Spurensicherung ist zu dem Schluss gekommen, dass er aus seiner Arrestzelle mit
Gewalt verschleppt worden sein muss.” “Was meinst du damit?”
“Die Mitarbeiter
des Polizeireviers werden verhört und verstricken sich zusehends in
Widersprüche. Wir vermuten eine geplante Aktion, auch wenn wir noch nicht wissen
zu welchem Zweck!” “Lösegeld?” flüsterte sie.
“Oder politische Erpressung.
Seine Familienherkunft ist bekannt.”
Sie schluckte.
“Aber seine
Differenzen mit dem Verteidigungsminister gingen durch die Presse. Und, ...Dad
würde niemals auf Forderungen, welcher Art auch immer, eingehen!” Mit
erschreckender Plötzlichkeit wurde ihr das Ausmaß ihrer Erkenntnis bewusst.
Sollte sie selbst in Gefahr geraten, bestand zumindest noch die Möglichkeit,
dass ihr Vater alles tun würde um sie lebend wieder zu sehen. Die Kluft zu
Richard jedoch war so unüberwindlich geworden, dass sich für ihren Bruder keine
Hoffnung abzuzeichnen begann. Was auch immer geschehen sollte, es musste von
hier aus geschehen, aus dem Herzen der CTU heraus, und sie würde alles dafür
tun, dass nichts unversucht bliebe. Entschlossen stand sie auf.
“Wo fangen
wir an?”
Chloe hatte in beeindruckender Geschwindigkeit
notwendige Daten und Informationen zusammengetragen. Nun lag ihnen ein
umfassendes Bild über die Kontakte vor, die Richard Heller in den letzten
Monaten gepflegt, und die Veranstaltungen, an denen er teil genommen hatte.
Audrey war bis jetzt noch nichts Ungewöhnliches aufgefallen, als sie Spencer mit
Chloe aufgeregt diskutieren sah. “Was ist los?”
“Noch nichts Konkretes!”
antwortete Chloe und warf Spencer einen ungehaltenen Blick zu.
Audrey sah ihn
fragend an. “Ich möchte alles wissen, auch wenn es noch so weit hergeholt
erscheint.” Spencer zögerte etwas, begann aber dann zu sprechen.
“Offensichtlich ist Richard seit ungefähr zwei Monaten Mitglied einer
radikalen Gruppe, von der er regelmäßig codierte Nachrichten per Email erhält,
und die offensichtlich auch an der Planung der heutigen Demonstration maßgeblich
beteiligt war.” “Ja, und!”
“Die Organisation ist glaubwürdig aufgemacht, aber
wenn man tiefer gräbt, finden sich Hinweise darauf, dass die Geldgeber, die
dahinter stehen, direkt mit einem der größten Produzenten für Kriegsgerät in der
Umgebung von Los Angeles, zusammen arbeiten. “Was soll das heißen?”
Chloe
mischte sich ein. “Wir haben noch keine Beweise dafür, es ist bisher nicht mehr
als ein Verdacht, aber die Möglichkeit besteht, dass “Fight Violence” nur eine
Tarnung ist, mit dem Ziel engagierte Waffen- und Kriegsgegner auszukundschaften
und zu diskreditieren.” “Aber das wäre doch....” rutschte es Audrey
heraus.
“Amerikanisch?” antwortete Chloe. “Wie auch immer, es deutet alles
darauf hin, dass Richard nicht wusste, mit wem er es zu tun hatte, dass er
möglicherweise in eine gut geplante Falle gelockt worden ist.” Audrey ließ sich
auf einen Stuhl fallen. “Gut, und wohin führt uns das?”
“Zum einen,” mischte
sich Spencer wieder ein, “steht besagte Waffenfirma bereits seit einiger Zeit in
Verdacht sich nicht nur das Gesetz nach Belieben zu verbiegen, sondern auch im
Polizei- sowie im Militär Apparat beträchtlichen Einfluss zu besitzen. Das FBI
schickte erst vor kurzem diesbezüglich einen Bericht, in dem auch davon die Rede
war, dass Teile der Polizei dieses Landes in die Gefahr einer finanziellen
Abhängigkeit geraten.” “Und das würde das merkwürdige Verhalten der befragten
Polizisten erklären”, nickte Audrey. “Wie ist der Name der Firma? Ich möchte
mich mit dem Vorstand in Verbindung setzen!”
Nachdem das
weitere Vorgehen mit Bill abgeklärt worden war, wandte sie sich an
Curtis.
“Ich möchte persönlich dorthin gehen. Jahrelang war es meine Aufgabe
sich mit dieser Art Menschen auseinander zu setzen. Ich weiß, wie sie denken,
und vor allem, für wie unantastbar sie sich halten.” Curtis nickte. “Die anderen
Außeneinsätze laufen von alleine. Ich werde dich begleiten.”
Sie lächelte
dankbar, und bemerkte verwirrt den bewundernden Blick, den er ihr zu warf, und
der an ihrer Kleidung hängenblieb. Sie errötete unwillkürlich und blinzelte ein
wenig verlegen. “Ich weiß”, murmelte sie, aber hob gleich darauf energisch ihren
Kopf.
“Allerdings bist du heute auch nicht gerade dezent
gekleidet.”
Curtis grinste und sah auf seinen orange leuchtenden Rollkragen
Pullover hinunter.
“Anscheinend liegt irgendetwas in der
Luft!”
“Definitiv. Ich habe das Gefühl, dass heute noch viel geschehen
kann!”
Curtis schien die Besorgnis in ihrer Stimme zu spüren, obwohl sie
selbige zu verbergen suchte. Behutsam legte er ihr seinen Arm um die Schulter
und bemühte sich aufmunternd zu klingen. “Das schaffen wir schon. Da habe ich
keinen Zweifel.”
Zum ersten mal seit langer Zeit spürte Audrey, dass sie
jemandem von ganzem Herzen vertrauen konnte und auch vertrauen wollte. “Lass uns
gehen!”
* * * * *
Für einen Moment blieben sie schweigend im
Auto sitzen.
“Er hat damit zu tun, daran habe ich keinen Zweifel.”
Curtis
sah sie überrascht an. “Nun, er hat es uns schwer genug gemacht, überhaupt mit
ihm zu sprechen, und dann eigentlich nichts Eindeutiges gesagt.” “Und doch hat
er sich verraten!” Audrey sah in direkt an. “Glaub es mir! Wenn er, seiner
Meinung nach, nichts zu verbergen gehabt hätte, wären wir ganz anders empfangen
worden.” Curtis musste sich eingestehenden, dass trotz seiner Erfahrungen als
Field Agent, die Umgangsformen in politischen und diplomatischen Kreisen ihm ein
Rätsel geblieben waren und wohl auch immer eines bleiben würden. Er hatte nie
die notwendige Geduld für diese Spielchen , und schon gar kein Verständnis
aufbringen können. Aus diesem Grund war er auch letztendlich aus seiner
leitenden Stellung zurückgetreten. Seine Stärke lag im Feld, dessen war er sich
bewusst geworden, spätestens seit seiner Zusammenarbeit mit Jack Bauer. Die
Sonne stand bereits hoch am Himmel, und tauchte die Welt in ein glühendes gelbes
Licht, das nur durch den Staub und die Abgase in diesem Industrie Viertel der
Stadt getrübt wurde.
“Hier ist Chloe!” meldete sich die vertraute
Stimme.
“Ihr hattet recht. Sie haben versucht es zu vertuschen, aber
vergeblich. Aus dem Waffen Konzern, den ihr gerade aufgesucht habt, sind
erhebliche Geldströme in verschiedenste dunkle Ecken geflossen. Angefangen mit
vermutlich nicht schwer zu beweisender Bestechung, bis zur Finanzierung diverser
Untergrundorganisationen, zu denen sich auch der ominöse Verein, der sich “Fight
Violence” nennt, und der wohl das Gegenteil als Ziel auf seine Fahnen
geschrieben hat, zählen dürfte.” “Gute Arbeit, Chloe!” antwortete Curtis. “Was
sagt Bill? Wie wird der nächste Schritt aussehen?”
“Bring Audrey zur CTU
zurück, und triff dich dann mit Team Alpha bei den Koordinaten, die ich dir
durchgeben werde. Wir haben Hinweise, dass von dort aus seit gestern wiederholt
durch getarnte Leitungen Kontakt aufgenommen wurde.” “Hör mal, das ist doch
nicht weit von hier!” mischte sich Audrey ein, nachdem sie einen Blick auf den
Monitor geworfen hatte. “Ich fahre mit Curtis gleich dort hin, auf meine
Verantwortung.” “Audrey hat recht!” übernahm Curtis wieder das Wort. “Wir
sollten schnell handeln und auf das Überraschungsmoment setzen.” “Bill gibt sein
okay”, sagte Chloe nach einem Moment. “Aber bleibt in Kontakt!”
“Das werden
wir!” erwiderte Curtis, nickte Audrey aufmunternd zu, und startete den
Wagen.
Audrey beobachtete gebannt, wie Curtis sofort nach ihrem Eintreffen
die Führung übernahm. Ruhig und konzentriert verteilte er die Aufgaben,
überprüfte die Kommunikationsmöglichkeiten und reagierte sofort, als das erste
Team mit einer Erfolgsmeldung zurückkehrte. “Vier Personen im Kellerraum,
Schusswaffen, Internet und Handies aktiviert. Wir warten nur noch auf die
Bestätigung der CTU, dass es sich um den gesuchten Empfänger handelt.” Curtis
nickte entschlossen. “Alles fertigmachen zum Reingehen!”
Er griff nach
seiner schusssicheren Weste. Audrey sah ihn groß an.
“Curtis, was ist mit
Richard?”
Beruhigend griff er nach ihrer Hand und drückte sie
versichernd.
“Keine Sorge! Die Sicherheit der Geisel hat selbstverständlich
oberste Priorität. Zudem sind wir genau für diese Art von Einsätzen ausgebildet.
Wir werden alles tun um deinen Bruder zu schützen.” Audrey versuchte ein
zögerndes Lächeln, aber es zerfiel, noch bevor es ihr Gesicht erreichen konnte.
Curtis blickte sie besorgt an und senkte dann die Augen. “Ich weiß, dass es dir
schwer fallen muss in dieser Situation...”, er suchte nach Worten “... zu
vertrauen, jemandem wie mir zu vertrauen, nach allem, das passiert ist!” Sie
schüttelte den Kopf.
“Das ist es nicht. Ich weiß, dass alles getan wird. Es
ist nur schwer so hilflos zu sein!” “Wieder!” fügte sie leise hinzu.
Curtis
sah einen Moment an ihr vorbei, starrte in das staubige Grün eines einsamen
Baumes, der sich gegen die Betonwüste zu behaupten suchte. “Das bist du nicht!”
murmelte er.
“Am besten, du bleibst bei Francis im Übertragungswagen. Du
kannst bei der Kommunikation eingreifen, und bist auch sofort zur Stelle, falls
wir ...” “Wenn ihr Richard herausgeholt habt!” fiel sie ihm ins Wort. Es zuckte
leicht in seinen Mundwinkeln, als er ihr erhobenes Haupt und das nach vorne
gestreckte Kinn bemerkte. Der Wind spielte in ihrem feinen, hellblonden Haar,
und Curtis wurde verlegen bei dem Gedanken, dass es alles andere als der
richtige Zeitpunkt war um bei ihrem Anblick an die Venus von Botticelli erinnert
zu werden. Rasch schüttelte er den Gedanken ab und konzentrierte sich auf seine
Ausrüstung. Er würde es sich nie verzeihen, wenn sie trotz oder auch wegen CTU
Einwirkung noch einen Menschen verlieren sollte, der ihr etwas bedeutete. Also
gab es keine Alternative. Er würde Richard heil dort herausholen, das schwor er
sich innerlich. Vielleicht gab es noch eine Chance Audrey ihr verlorenes
Vertrauen zurückzugeben. Und er würde sie nicht verpassen.
Es war
totenstill, bis auf das durchgehende Summen der Computer, das nur gelegentlich
durch ein pfeifendes Geräusch oder die Stimme des Agenten unterbrochen wurde,
der zwischen CTU und den Kollegen im Feld vermittelte. Audrey war direkt mit
Bill Buchanan und Chloe verbunden, sie war es auch gewesen, die die Anordnung
zum Einsatz entgegengenommen und weitergegeben hatte. Nun blieb ihr nichts
anderes übrig als zu warten, so schwer es ihr auch fiel. Die Luft in dem
Übertragungswagen erschien ihr abgestanden, die Hitze drückend. Ihre Hände
schwitzten und sie ertappte sich dabei, wie sie unablässig ihre Finger
gegeneinander rieb. Eine feuchte Haarsträhne fiel über ihre Augen und Audrey
versuchte vergeblich sie aus ihrem Gesicht zu pusten. Schließlich hielt sie es
nicht mehr aus. So unauffällig wie möglich schob sie die Schiebetür einen Spalt
auf und blickte genau in die Richtung, in die Curtis und sein Team vor
Ewigkeiten, wie es ihr vorkam, verschwunden waren. Das schmutzige Grau Blau des
Himmels ließ sich von dem Farbton der kahlen Gebäude kaum unterscheiden. Nicht
ein Staubkorn schien sich zu bewegen, von der leichten Brise war nichts mehr zu
spüren. Die Natur hielt den Atem an. Plötzlich rauschte es vernehmlich in ihrem
Rücken. Audrey schnellte mit einem Ruck zurück und erkannte Curtis Stimme, die
verzerrt, aber dennoch deutlich übertragen wurde. “Zugriff!” rief er und wurde
sofort übertönt von einer hämmenden Schusssalve.
Sie wurde leichenblass und
beugte sich zitternd vor. Die Anzeigen auf den Monitoren blieben unverändert,
vereinzelte Gestalten bewegten sich konfus durcheinander. “Agent Manning!”
fragte der Kontaktmann neben ihr in sein Mikrophon. “Geben Sie Rückmeldung!” Es
knackte laut in der Leitung, danach war nur noch ein Rauschen zu vernehmen.
“Was ist passiert?” fragte sie, aber erntete nur ein Schulterzucken als
Antwort.
“Die Verbindung ist unterbrochen, und die Bildschirmanzeige sagt
uns nur, dass es anscheinend Verluste gab. Allerdings nicht auf welcher Seite!”
“Oh Gott!” stieß Audrey hervor, und riss die Tür nach draußen weiter auf um
hinauszuschlüpfen. “Bleiben Sie!” versuchte der Agent sie noch zurückzuhalten,
aber da stand sie bereits auf der Straße. Die Sonne blendete sie im ersten
Moment so stark, dass sie gezwungen war beide Augen zu schließen. Obwohl sie
tränten, brachte Audrey es fertig sie wieder zu öffnen. Dunkle Gestalten
tauchten auf einmal vor ihr auf, und sie blinzelte verzweifelt um sie erkennen
zu können. “Sie sind es! Es ist Agent Manning! Melden Sie es der CTU!” Wie
verrückt trommelte sie gegen das heiße Blech des Autos, bevor sie auf die Männer
zu lief. “Richard!” rief sie, nicht mehr in der Lage ihre Panik zu
verbergen.
“Wir haben ihn!” keuchte Curtis und ein breites Grinsen überzog
sein Antlitz. “Er ist in Ordnung!” Doch da war Audrey ihrem Bruder bereits um
den Hals gefallen, der sich rasch von Curtis stützendem Arm befreit hatte, um
sie ebenso erleichtert zu umarmen. “Es tut mir so leid!” murmelte er leise. “Ich
hätte nie gedacht, ....!”
“Schscht...!” Audrey strich ihm sanft sein Haar aus
der Stirn. “Ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist.” Richard schluchzte
leise. “Ich hatte wirklich Angst!”
“Es tut mir so leid, dass ich mich nicht
bei dir gemeldet habe. Wenn dir etwas passiert wäre, ich ...” Nun war es an
Richard sie zu stoppen, indem er sie fest an sich drückte. “Keine Sorge, du
wirst mich nicht so schnell los!” Unter Tränen lächelte sie glücklich und zum
ersten Mal seit langer Zeit leuchtete der Himmel über Los Angeles wieder in
strahlendem, klaren Blau auf sie hernieder. * * * * *
Ein
langer Tag neigte sich endlich dem Ende zu. Die letzten Strahlen der Sonne
erhellten mild das Büro und tauchten Mensch und Computer in ein oranges Licht.
Curtis hatte gerade seinen letzten Bericht abgezeichnet und eingeordnet.
Erleichtert sah er auf und sein Blick blieb an Audreys schmaler Gestalt hängen.
Sie beugte sich konzentriert über ihren Schreibtisch, beinahe als wolle sie in
den flachen Monitor hineinklettern. Es zuckte leicht um seine Mundwinkel bei dem
Gedanken, dass sie vermutlich schon wieder ihre Brille verlegt haben würde. Den
Tag rekapitulierend, sandte Curtis ein dankbares Stoßgebet gen Himmel. Dass es
ihnen gelungen war, Audreys Bruder in so kurzer Zeit ausfindig zu machen und zu
befreien, grenzte für ihn beinahe an ein Wunder. Eines, das er Audrey von ganzem
Herzen gönnte, wie er sich zustehen musste. Bei der Erinnerung an die Furcht,
die er in ihren Augen gesehen hatte, krampfte sich erneut sein Magen zusammen.
Wieso fiel es ihm ausgerechnet heute so schwer seine Objektivität aufrecht zu
erhalten. Die schimmernden Sonnenstrahlen verfingen sich in Audreys blondem Haar
und zauberten goldene Akzente. Erst als Audrey aufsah, bemerkte Curtis verwirrt,
dass er bereits seit einer Weile in ihre Richtung gestarrt haben musste. Ihre
Blicke trafen sich und verschmolzen für einen Augenblick, der ewig zu dauern
schien. Er konnte sich nicht erinnern, dass ihre Augen jemals diesen intensiven
Farbton gehabt hatten. Ein tiefes Lila, dunkler und friedlicher als zuvor, ein
klarer See, eingefasst in einen goldenen Rahmen. Sich ertappt fühlend, neigte er
den Kopf zur Seite, nicht ohne ihr amüsiertes Lächeln zu registrieren, das sich
umgehend auf ihrem hübschen Gesicht auszubreiten begann. Er erwiderte ihr Lachen
und nickte kurz, heimlich froh darüber, dass der leichte Anflug von Erröten
unter seiner dunklen Haut nicht sichtbar werden konnte. Dennoch spürte er einen
Kloß im Hals, eine Nervosität, die er seit seiner Schulzeit für überwunden
gehalten hatte. Natürlich litt sie noch unter dem Verlust ihres Mannes und
Jacks, sie war verletzbar und es würde ihm niemals in den Sinn kommen diese
Situation auszunutzen. Auch waren ihm seit geraumer Zeit Vibrationen seitens
Bill Buchanans aufgefallen, doch Curtis bezweifelte, dass Audrey diese Gefühle
erwiderte, oder nur wahrnahm. Mit Sicherheit war es zu früh für sie an eine neue
Beziehung zu denken, und doch konnte er beinahe körperlich spüren wie sie sich
nach einem Halt in ihrem Leben sehnte. Schließlich schaltete sie ihren PC aus
und erhob sich. Curtis fiel es schwer die Anmut ihrer Bewegungen wenigstens
äußerlich zu ignorieren, und er erstarrte, als sie sich auf ihn zu bewegte.
Audrey strich ihr Haar zurück und zwinkerte ihm gelöst zu.
“Was macht
Richard!” fragte Curtis um das Schweigen zu brechen.
“Nachdem er hier fertig
war, wollte er so schnell wie möglich zu Luke.
Das ist sein Freund!” setzte
sie leicht errötend hinzu und sprach rasch weiter. “Er meinte er müsse sich
unbedingt gründlichst bei ihm entschuldigen. Anscheinend hatte Luke ihn
wiederholt gewarnt, sich mit dieser Gruppe einzulassen.” Sie schüttelte den
Kopf. “Aber Richard war eben noch nie für gute Ratschläge zu haben.”
Curtis
grinste. “Manche Menschen müssen eben ihre Erfahrungen machen! Ich
meine....”
er begann sich zu verhaspeln “Ich meine es ist doch gut, dass
....”
Abrupt unterbrach er sich.
“So habe ich es natürlich nicht gemeint”,
wollte er erklärend hinzu fügen, als Audrey ihre Hand sanft auf seinen Arm
legte. “Ich weiß”, murmelte sie und sah spitzbübisch zu ihm auf. “Es passiert
mir selten, aber jetzt bin ich richtig hungrig. Bist du mit allem fertig?”
Curtis nickte. “Du meinst wir sollten...?”
Audrey seufzte. “Ich sterbe vor
Hunger. Bill ist schon gegangen, und Chloe ist irgendwohin mit diesem Neuen!”
“Ja, mit Spencer!” erwiderte Curtis.. “Die beiden scheinen sich gut zu
ergänzen.”
“Also, wenn es Dir nichts ausmacht! Ich bin irgendwie zu nervös um
schon nach Hause zu gehen”, stellte sie fest, auf einmal unsicher geworden.
Curtis glaubte in ihren großen Augen zu ertrinken, die plötzlich verräterisch
flackerten. Er strich ihr vorsichtig eine goldene Strähne aus der Stirn. “Ich
würde mich freuen.” antwortete er schlicht.
Curtis hatte das
Restaurant vorgeschlagen, und Audrey musste zugeben, dass es mit jedem der
sternetragenden Lokale, die sie im Laufe ihres Lebens besucht hatte, problemlos
mithalten konnte. Natürlich bestand möglicherweise der Grund auch nur in der
Erleichterung, die sie nach diesem langen Tag empfand, und die in ihr zum ersten
Mal seit langer Zeit ein Gefühl des Glücks hervorrief, das sie, ohne es zu
merken, schmerzlich vermisst haben musste. Oder es war die angenehme
Gesellschaft, die Gegenwart dieses Mannes, der ihr mit jeder Minute, die
verging, mehr Vertrauen einflößte. Es wäre müßig darüber nachzudenken, und
Audrey entschloss sich, ausnahmsweise jeden Versuch die Situation analytisch zu
betrachten, außer Acht zu lassen, und sich einfach im Augenblick treiben zu
lassen. Eine einzige Kerze brannte in der Mitte des kleinen Tischchens und
verströmte einen anheimelnden Duft nach Honigwachs, Zuhause und Gemütlichkeit.
Das kleine Lokal war in warmen, dunklen Tönen eingerichtet. Kirschrote
Tischtücher und Vorhänge setzten Akzente, die noch durch die geschickte
Verteilung winziger Lichterketten hervorgehoben wurden. Wände und Möbel atmeten
ein ruhiges Mahagoni. Wären nicht die kunstfertig gebundenen Buketts rot
schimmernder Rosen auf Tischen und an den Wänden, die Einrichtung hätte beinahe
als schlicht bezeichnet werden können. Audrey war sonderbar leicht zu Mute.
Entgegen ihrer Gewohnheit hatte sie Wein bestellt, und trotz des köstlichen
Dinners begann sie seine entspannende Wirkung zu spüren. Sie redeten viel.
Hauptsächlich über Richard und ihre Beziehung zu ihm, seitdem sie Kinder gewesen
waren. Audrey hätte niemals erwartet in Curtis einen so aufmerksamen und
sensiblen Zuhörer und Gesprächspartner zu finden. Unbewusst hatte sie ihn wohl
mehr mit Jack verglichen, als ihr klar gewesen war. So sehr sie Jack auch
geliebt haben mochte, es hatte nie einen Zweifel daran gegeben, dass er sich ihr
gegenüber nicht vollkommen hatte öffnen können. Das Gefühl, dass er ständig
etwas zurückgehalten, Geschehnisse oder auch nur Gedanken vor ihr verborgen
hatte, war ihr damals weniger als Belastung ihrer Beziehung, denn als eine
Herausforderung erschienen. Manchmal erlaubte sie sich den Gedanken, dass
vielleicht dieser Anflug des Geheimnisvollen oder Unerreichbaren Jack in ihren
Augen zu jemandem gemacht hatte, der er nie gewesen war.
Bis heute
hatte sie geglaubt, dass es die unvermeidlichen Auswirkungen seiner Arbeit als
Geheimagent gewesen waren, die ihn so tief geprägt hatten, und dass Curtis
demzufolge eine ähnliche Aura der Unantastbarkeit verbreiten müsste. Aber Curtis
war vollkommen anders. Aus seinem Blick entnahm sie Interesse, uneingeschränkte
Aufmerksamkeit und Bewunderung. Er sprach ruhig, überlegt und war fähig in einem
Maße auf sie einzugehen, wie sie es von einem Mann nicht gewohnt war. Audrey
erzählte ihm Begebenheiten, die sie längst vergessen geglaubt hatte, schilderte
ihm offen die widersprechenden Gefühle, die sie ihrem Bruder gegenüber empfand
und konnte sogar ihre Schuldgefühle in Worte fassen. Eine zentnerschwere Last
wurde ihr von den Schultern genommen, während sie Curtis an ihren Gedanken
teilhaben ließ, und eine unendliche Dankbarkeit begann sie zu erfüllen. “Ich
wusste nicht, wie tief mich Richards Leben und seine Haltung immer beeinflusst
hatten. Vielleicht werde ich den Gedanken nie verwinden ihn im Stich gelassen zu
haben. Es wäre meine Aufgabe gewesen ihn zu verstehen und zwischen ihm und
unserem Vater zu vermitteln!” Sie stützte ihren Kopf in eine Hand und starrte in
die dunkelglänzende Flüssigkeit ihres Weinglases. “Jeder Mensch muss seinen
eigenen Weg gehen, Richard ebenso wie du!” sagte Curtis nach einer Weile. “Auf
die Vergangenheit haben wir keinen Einfluss. Die Zukunft ist es, die zählt!”
Audrey spürte seinen klaren Blick auf ihr ruhen, und sah unwillkürlich auf. Die
Intensität mit der seine schwarzen Augen sie zu durchbohren schienen, ließen ihr
Innerstes erschauern, und verursachten ein angenehmes Kribbeln, das sich über
ihren ganzen Körper ausbreitete. Sie war auf einmal froh über die schwache
Beleuchtung, denn sie spürte wie sich ihr Gesicht zu erhitzen begann. Trotzdem
unternahm sie den vergeblichen Versuch die aufsteigende Röte zu verbergen, als
sie mit einem Mal Curtis´ kühle Finger fühlte, die ihr die schützende Hand sanft
entzogen und zwischen ihnen umfasst hielten. Der zärtliche und doch feste Druck
mit dem er sie festhielt, löste einen längst versteinerten Knoten in ihrer Brust
und trieb ihr die Tränen in die Augen. “Curtis, ich....!” Sie
verstummte.
Langsam löste Curtis den Griff, ohne seine dunklen Augen von ihr
zu wenden.
Eine Weile saßen sie schweigend. Es war, als wären ihnen die Worte
letztendlich ausgegangen und hätten Raum für etwas Anderes, Größeres gemacht.
Eine tiefe Verbundenheit war unbemerkt und doch unauslöschlich zwischen ihnen
entstanden, ein Band, das Audrey mit unendlichen Zutrauen und Frieden erfüllte.
Sie konnten ihre Blicke nicht voneinander lösen.
Ein Herzschlag oder eine
Ewigkeit, die Zeit hatte ihre Bedeutung verloren.
* * *
Er
hatte sie geküsst, sanft, vorsichtig, zärtlich, ohne Eile, ohne sie im mindesten
zu drängen. Und sie war seufzend in seinen starken Armen geschmolzen, hatte sich
an ihn geschmiegt, atemlos, und mit einem Mal so voller Wünsche und Sehnsüchte,
von deren Existenz sie lange nichts mehr geahnt hatte, und die sie nun wie eine
Woge überrollten. Es war vollkommen ungeplant geschehen, ob nun der Wein ihrem
Gang eine Spur Unsicherheit verliehen, oder die Anspannung des vergangenen Tages
ihren Tribut gefordert hatte. Während der wenigen Schritte aus dem Restaurant in
Richtung des Parkplatzes, war Audreys Fuß umgeknickt und hätte sie beinahe zum
Stolpern gebracht, wenn nicht - ja wenn nicht Curtis sie im letzten Moment
aufgefangen und an seine Brust gezogen hätte. Ihre Atemzüge waren ausgeblieben,
weniger aufgrund des kleinen Schreckens, sondern wegen des Sprunges, den ihr
Herz auf einmal gemacht hatte, bevor es wie wild zu schlagen begann. Der Boden
schien zu beben, die Welt sich zu drehen, und die plötzliche Erschütterung
kannte nur ein Ruhezentrum. Curtis hielt sie sicher umschlungen, sein Körper
atmete Vertrauen und Geborgenheit. Sie hatte zu ihm aufgesehen und sein samtener
Blick hatte sie in seinen Bann gezogen. Seine schwarzen Augen versprühten ein
dunkles Feuer, seine Arme hielten sie fester und ihre Lippen trafen sich, als
hätten sie ihren eigenen Willen. Der Kontakt war zart und süß, Curtis liebkoste
ihren Mund mit dem Seinen, seine Zunge fuhr über den weichen Schwung ihrer
Lippen, spielte mit ihnen, die sich willig, wie in Trance öffneten. Ein heißer
Blitz durchfuhr sie, ließ sie atemlos zurück weichen. Curtis zuckte
zusammen.
“Es tut mir leid! Ich wollte nicht...!”
In seinen Augen mischte
sich Erschrecken mit Schuldgefühlen, als sie sich plötzlich von ihm löste.
“Nein, nein, es ist nur... !”
Zwischen flatternden Augenlidern sah sie zu ihm
empor. Sein Blick erfüllte sich mit tiefer Besorgnis, und sie bemerkte, dass er
ihren Arm noch immer umklammert hielt, als wolle er sie stützen, sie sichern.
Mit einem Mal füllten sich ihre Augen mit Tränen und sie begann leicht zu
zittern. “Audrey, ich wollte nicht.... es tut mir so leid.... !”
Das Licht
der Straßenlaternen glitzerte in tiefem Schwarz seiner Augen, seine Haut
verschmolz mit der Dunkelheit, machte ihn zu einem Teil ihres Friedens. Sie
versuchte den Kopf zu schütteln, hob eine bebende Hand und strich sanft über
seine Wange. “Es ist in Ordnung, Curtis... nur bitte, lass mich nicht
los!”
“Das würde ich niemals tun”, flüsterte er in ihr Ohr, als er sie von
neuem umschlang und an sich zog. * * * * *
Die Zimmerdecke
schien beinahe zu leuchten, so hell war das Weiß, in dem sie gestrichen worden
war. Erste Strahlen der Morgensonne verteilten Licht und Schatten, vertrieben
die Nacht, die ihr wie ein Traum erschien. Audrey ertastete neben sich die Wärme
des Mannes, der soeben noch hier gelegen hatte. Sie seufzte zufrieden, spürte
die sanfte Berührung seiner Finger nach, die ihren Körper entlang geglitten
waren, die seidigen Liebkosungen seiner Lippen und seiner Zunge und den festen
Druck seines Körpers. Er hatte sie mit einer Leidenschaft und gleichzeitig mit
einer Sanftheit gehalten, die ihr bisher nie begegnet war und ihr das Gefühl
gegeben, als würde sie nie wieder losgelassen werden. Seine Küsse hatten ihr
Feuer entfacht und zugleich den bohrenden Schmerz in ihrem Inneren besänftigt,
hatten sie davon getragen in endlose Weiten und trotzdem in seiner vertrauten
Wärme bewahrt und geborgen. Sie schloss ihre Augen, versuchte das Erlebte in
ihre Erinnerung einzubrennen, sich daran fest zu klammern, solange es möglich
sein würde. Natürlich würde es nicht mehr lang möglich sein, der Tag mit seinen
Pflichten würde sie unaufhaltsam ergreifen und durch seine Mangel ziehen, bis
die letzte Nacht nur noch eine blasse Erinnerung sein würde. Das Rauschen der
Dusche verstummte, eine Tür klappte und leise Schritte näherten sich ihr. Sie
hielt die Augen geschlossen, konnte es jedoch nicht verhindern, dass ihre
Mundwinkel leicht zuckten. Die Schritte stoppten und ein Schatten beugte sich
über sie. Warme, feuchte Lippen auf den Ihren. “Morgen Schönheit!” murmelte
Curtis und hauchte ihr einen weiteren Kuss auf die Stirn, um dann sein Gesicht
in ihren Haaren zu vergraben. Sie umfasste seinen starken Hals, die glatte,
kühle Haut und zog sich an ihm hoch, während ihr Mund seinen Nacken suchte. “Ich
wollte dich noch fragen, ob alles in Ordnung ist,” sagte er, ergriff eine ihrer
zarten Strähnen und ließ sie durch seine langen Finger gleiten. “Aber, wie es
aussieht... “
Sie kicherte leise. “Es ist alles genau so, wie es sein
soll!”
“Bis darauf, dass wir spät dran sind.” Seine Augen suchten die Ihren.
“Ich wünschte wir hätten Zeit zum Reden, aber... !” “Schsch!” Sie verschloss ihm
den Mund mit einem ihrer zarten Finger. “Das ist nicht nötig.” Er lächelte
unsicher, und ihr Herz flog ihm entgegen, bebte, als sich ihr seine
Verletzlichkeit offenbarte, als sie seine widerstreitenden Gefühle zu erahnen
begann. “Kaffee ist fertig,” versuchte er abzulenken, hielt ihre Hand in der
Seinen, unfähig sich zu lösen. “Klingt gut!” Sie zwinkerte ihm zu und diese
Geste brach den Bann.
“Ich warte in der Küche auf dich.”
Audrey sah ihm
nach, bewunderte seinen geschmeidigen Gang, das Spiel seiner kräftigen Muskeln,
bevor sie sich entschloss die Sicherheit des Bettes zu verlassen um dem Tag
entgegenzutreten. * * * * *
“Ich möchte nicht darüber
nachdenken, ob es etwas zu bedeuten hat. Die Zukunft können wir nicht planen,
glaub mir, ich habe es oft genug versucht.” Sie sah zur Seite, betrachtete das
ernste Profil des Mannes, der raschen Schrittes neben ihr ging. Curtis bemerkte
ihren Blick und lächelte, ohne auf die Bemerkung einzugehen. Statt dessen
ergriff er ihre Hand und richtete seine Konzentration auf das satte Grün der
Bäume, deren im Sonnenlicht glitzernde Blätter sich in einem leichten Windhauch
bewegten, funkelten und ein beruhigendes Rauschen erzeugten, das in dieser
Jahreszeit ungewohnt und umso erfrischender wirkte. Der Himmel war azurblau,
wolkenlos, und die idyllisch angelegte Grünanlage erweckte die Illusion sich
irgendwo außerhalb der stickigen, grauen Großstadt aufzuhalten. Audreys Finger
erwiderten den sanften Druck und sie atmete befreit auf.
“Nicht zu glauben,
dass hier so ein hübscher Ort versteckt ist,” sagte sie gedankenverloren.
“Nein..., manchmal muss man nur wissen wo man suchen soll.”
Seine Augen
suchten die Ihren, und sie sah unsicher zu Boden.
“Es war so schön, letzte
Nacht, wirklich Curtis, ich möchte das nicht verlieren.”
“Audrey... ,” er
zögerte. “Es war wundervoll. Du bist wundervoll!”
Er hob ihre Hand zu seinen
Lippen und küsste sie sanft. “Aber wir beide wissen, dass es niemals so einfach
ist.” “Du denkst doch nicht, dass... ,“ Audrey verstummte, hob den Kopf und sah
ihn gerade an. Der Wind spielte in ihrem goldenen Haar, und ihre Augen
spiegelten die Farbe des Himmels wieder. Sein Lächeln wurde breiter, in den
dunklen Augen funkelte es amüsiert. Dennoch schwieg er, beobachtete wie Audrey
begann sich zu winden. “Ich meine, es ist doch völlig klar, dass... “
Curtis
legte fragend den Kopf zur Seite.
“Was meinst du?” fragte er
unschuldig.
Jetzt registrierte Audrey das Schelmische seines
Gesichtsausdrucks.
“Du Idiot!” Scherzhaft begann sie mit ihren Fäusten auf
seine breite Brust zu trommeln, wurde aber sofort wieder ernst. “Ich weiß, das
es komplizierter sein kann, als ich mir vielleicht vorstelle!”
“Das stimmt,”
antwortete er. “In deiner Familie gibt es schließlich öffentlich bekennende
Republikaner, nicht auszudenken wenn das herauskommen sollte... !” “Du spinnst
doch,” sie konnte ihr Grinsen nicht unterdrücken.
“Nein, hör zu!” Curtis
wandte sich ihr zu, nahm ihr Gesicht in seine Hände. “Du bedeutest mir wirklich
etwas. Schon länger, und das wird auch immer so bleiben. Aber wir kommen in mehr
als einer Hinsicht aus verschiedenen Welten. Ich meine, ich bin Jack ähnlicher,
als du vielleicht wahrhaben willst, und ich weiß, dass du seinen Tod noch lange
nicht verwunden hast. Und du solltest dir damit auch Zeit lassen, wie du gesagt
hast, können wir nicht erahnen was geschehen wird. Jeden einzelnen Tag kann
alles auf den Kopf gestellt werden und für mich ist das in Ordnung, das ist mein
Leben.” Ihre Finger suchten die Seinen. “Auch für mich ist das in Ordnung,
deshalb bin ich jetzt hier. Ich suche etwas Anderes in meinem Leben, etwas, das
sich von meiner bisherigen Lebensweise unterscheidet... !” “Aber du weißt noch
nicht was es ist!”
Sie blickte ihn groß an und spürte Tränen in ihre Augen
steigen. Er strich ihr eine Strähne aus der Stirn und nahm sie zärtlich in die
Arme. “Ich bin immer für dich da,” flüsterte er. “Immer, wenn du mich
brauchst.”
“Aber ich brauche dich doch.” Sie barg ihr Gesicht an seiner
Schulter.
“Dann bin ich hier! Ganz egal was die Leute sagen.!
Sie
kicherte in seine Jacke hinein und umschlang seinen Hals.
“Hör auf mich zu
ärgern!”
“Wer hat denn damit angefangen!”
Noch einmal wurde er ernst.
“Es mag uns einfach vorkommen, aber das ist es nicht, nicht überall. Und
wenn du dich umsiehst, wirst du das auch überall erkennen können. Die Vorurteile
existieren auf jeder Seite, in jeder nur denkbaren und undenkbaren Facette. Und
wir sind noch sehr weit davon entfernt unser Gegenüber mit dem Herzen
wahrzunehmen, ohne seiner Herkunft, seinem sozialen Stand oder seiner Hautfarbe
Beachtung zu schenken. Vielleicht in einer fernen Zukunft... !” “Vielleicht!”
erwiderte sie und spürte, wie seine starken Arme sie an sich
zogen.