Titel: Jenseits von Tod und Leben
Autor:
callisto24
Fandom: 24
Charaktere: Jack/Tony
Kategorie: Drama, m/m slash
gegen Ende, angst, hurt, comfort
Thema: Schließt unmittelbar an Staffel 4 an.
Nach seinem vorgetäuschten Tod kämpft Jack mit seinen Dämonen, bis Tony ihn
aufspürt.
Rating: R
Word Count: 8751
Warnungen: Jack ist unheimlich
deprimiert!
Anmerkungen: gehört alles ausnahmslos 24, kein Geld... !
* * *
* *
Jack atmete tief ein, hielt einen Moment die Luft an, und
ließ sie dann langsam wieder entweichen. Immer noch spürte er das Adrenalin in
seinem Körper, auch wenn die Anspannung langsam begann nachzulassen. Den
Augenblick, in dem er sich beruhigt haben, sein Atem wieder gleichmäßig fließen
und sein Verstand imstande sein würde, die Geschehnisse des vergangenen Tages zu
verarbeiten, diesen Augenblick fürchtete er am meisten. Er kannte das Gefühl zu
gut. Hatte es bereits zu oft erlebt.
Sobald die Müdigkeit einsetzte, sein
Körper nach Entspannung zu schreien begänne, würden all die mühsam verdrängten
Gefühle wieder auftauchen, für die er sich im Strudel der Ereignisse keine Zeit
hatte nehmen können, oder wollen. Die Bilder holten ihn dann unaufhaltsam mit
einer Macht ein, die ihn zu einem wehrlosen Opfer seiner Vorstellungskraft
werden ließ. Menschen, die er verloren hatte, Menschen, die durch seine Schuld
den Tod gefunden hatten, Menschen, die er selbst getötet hatte, sie alle sahen
ihn an, ließen sich nie mehr verjagen, verwandelten ihn Schritt für Schritt in
ein gefühlloses Monster, je länger er es ertrug mit ihnen zu leben. Damals, nach
Teris Tod war er zum ersten Mal zusammengebrochen, monatelang unfähig den
Schmerz zu ertragen. Zurück im Dienst hatte er automatisch funktioniert, war
sich nicht bewusst gewesen, wie stark sich sein Inneres verhärtet hatte, bis er
gespürt hatte, dass es nicht mehr weiterging. Und dann waren es die Drogen, die
ihm geholfen hatten weiterzumachen, vor allem nach der qualvollen Zeit in
Mexiko! Er schloss die Augen und versuchte das Unausweichliche noch einen Moment
heraus zu zögern. Pauls Gesicht blitzte vor ihm auf, Audreys anklagende Augen,
doch es gab noch so viel mehr in seiner Seele Verschüttetes, Dinge, an die zu
erinnern, er sich verboten hatte, aus Angst dem Gefühl von Schuld und Scham noch
einmal zu erliegen. Sie hatte funktioniert, seine Selbstkontrolle war der
Schutzwall, hinter dem sich die Albträume verbargen, Albträume, die er gehofft
hatte, eines Tages los sein zu können. Claudia - auch sie hatte er geliebt,
verzweifelt, in selbstmörderischer Absicht, doch er hatte sie geliebt. Auch die
Schuld für ihren Tod musste er tragen und es war offensichtlich, dass er weit
davon entfernt war, sich damit abzufinden. Zu schnell war zu viel passiert! Der
Tod so vieler Menschen, die Gefahr, die Erleichterung Kim nicht verloren zu
haben. Und dann der Entzug, das Verteidigungsministerium, die Arbeit, genügend
Probleme, die jeden Tag von Neuem wieder zu lösen waren und die, sofern er es
verhindern konnte, auch keine Zeit ließen für die Vergangenheit. Wozu auch, er
hatte abgeschlossen, hatte akzeptiert, was und wie er war, und versucht nach
vorne zu gehen. Bis vor noch nicht einmal 30 Stunden war er mit sich im Reinen
gewesen.
Audreys Schreie, Marwans Blick als er stürzte, Paul, der sich vor
ihn geworfen hatte... , die Albträume würden wieder kommen. Und diese war er
noch nicht gewohnt. Schmerzerfüllt riss Jack seine Augen wieder auf. Es konnte
nicht mehr lange dauern, die Blicke, die Schreie, sie wurden stärker und lauter,
sie verdrängten das Wenige, das er in seinem erschöpften Zustand noch von der
Realität wahrnahm. Es war heiß, die Sonne glühte vom Himmel und schien die Wüste
noch mehr auszutrocknen. Seine Zunge fühlte sich trocken an, wie Sandpapier,
doch er widerstand dem Drang etwas zu trinken. Er wusste, dadurch würde es nicht
besser werden. In der flimmernden Hitze vor ihm konnte er undeutlich die Umrisse
des winzigen, beinahe unbekannten Ortes entdecken, der sein erstes Ziel werden
sollte. Sein erstes Ziel in einem neuen Leben.
Ein trockener Husten
schüttelte ihn und er blieb einen Augenblick stehen.
Noch vor wenigen
Stunden hatte er sich frei gefühlt, es war ihm vorgekommen, als wäre ihm auf
einmal eine schwere Last von den Schultern genommen worden, die unerträgliche
Bürde seines Lebens! Er hatte es nicht mehr gewollte, mehr als einmal hatte er
versucht, ihm zu entrinnen, doch dieses Mal war es etwas anderes. Jack Bauer war
tot, und so sehr es ihn auch schmerzte die Menschen, die ihm etwas bedeuteten,
die sein Leben bestimmt hatten, zurückzulassen, das Bewusstsein der vollkommenen
Freiheit war überwältigend gewesen. Kein Gedanke an die Zukunft, kein Plan,
nichts mehr, es gab ihn nicht mehr und würde ihn niemals wieder geben! Der
Sonnenaufgang mit seinen leuchtenden, verheißungsvollen Farben war ihm
erschienen wie eine Götterdämmerung und das Blut, das durch seine Adern
rauschte, sein Herz, das immer noch in seiner Brust hämmerte, hatten ihn
vorwärtsgetrieben, einem neuen Schicksal entgegen. Doch dieser Rausch war nun
schnell verflogen, er hätte es wissen müssen, vor allem konnte er davon laufen,
nur nicht vor den eigenen Dämonen. Sie verfolgten ihn immer und überall hin,
egal wie sicher er sich war, ihnen entkommen zu sein. Und dann hatten sie ihn
eingeholt. Seine Vergangenheit ergriff ihn und er spürte, dass ihn die Kraft
verließ, sich noch länger zur Wehr zu setzen. Wenn er die ersten Häuser erreicht
haben würde, bliebe ihm nichts anderes übrig, als sich irgendwo ein Zimmer zu
suchen, die Tür hinter sich zu verriegeln, und die Albträume kommen zu lassen.
Irgendwann würden sie vorüber sein, und vielleicht bekäme er noch einmal die
Chance sie tief in seiner Seele zu verschließen, so tief, dass er sie von Zeit
zu Zeit sogar vergessen könnte! * * *
Es waren mehrere Tage
vergangen, und er steckte noch immer in der Wüste fest. Nicht, dass ihn
irgendetwas daran gehindert hätte weiterzuziehen, er konnte nur die Energie dazu
nicht aufbringen. Er war alleine, es gab buchstäblich niemanden, der sich für
einen Fremden interessierte, der beschlossen hatte, für eine Weile hier
unterzukriechen. Die wenigen Bewohner des Ortes hatten genügend eigene Sorgen,
als dass sie sich um jemanden kümmern würden, der sich ohnehin nur auf der
Durchreise befand, wie er von vornherein klar gestellt hatte. Außer ihm wohnte
niemand in diesem Haus, der Wirt tauchte unregelmäßig, aber sehr plötzlich auf,
so dass Jack sich daran erinnert fühlte, auf der Hut zu sein. Manchmal kam es
ihm in den Sinn, dass möglicherweise niemand ein Gespräch mit ihm suchte, weil
er nicht der erste war, der die Idee hatte, sich in diesem abgelegen Fleckchen
Erde zu verstecken. Warum sollte er der erste sein, und warum sollten nicht
schon Menschen hier Zuflucht gesucht haben, die, wie er, eine Vergangenheit,
bestehend aus Gewalt und Tod, mit sich trugen. Es war nur einer seiner Albträume
und beileibe nicht einer der schlimmsten, der ihm Bilder zeigte in denen er
entdeckt und fortgeschafft wurde. Ob von der eigenen Regierung, den Salazars,
einer der anderen Gruppierungen, deren Hass er auf sich geladen hatte - für ihn
gab es keinen Unterschied. Er wusste, sie alle taten nur das, woran sie auch
glaubten, und er wäre der Letzte, der es ihnen vorwerfen würde. Dennoch war es
dumm, hier zu bleiben, dumm und gefährlich. Nicht nur für ihn, sondern auch für
die Menschen, die ihm dabei geholfen hatten, sein Leben zu retten. Ihnen
schuldete er es, sich einen besseren Ort zu suchen, einen Platz, der weiter
entfernt war von allem, das ihm bisher etwas bedeutet hatte. Obwohl er sich
ständig klar machte, wie unwahrscheinlich es war, dass jemand nach ihm suchen
sollte, dazu noch in unmittelbarer Nähe von Los Angeles, blieb doch das
vertraute Gefühl konstanter Bedrohung bestehen. Und dennoch konnte er nicht
aufbrechen.
Das Zimmer hatte er im voraus, in dem sicheren Wissen, dass er es
niemals länger als höchstens zwei Tage bewohnen würde. Diese waren schneller
vergangen, als ihm bewusst geworden war. Seine Müdigkeit, die Träume, die ihn
auch im Wachzustand plagten, der Selbstgebrannte, den ihm sein Wirt immer wieder
anbot, und den er dankbar annahm in der Hoffnung von seinen Gedanken befreit zu
werden - wenn auch nur für eine kurze Zeit - all das, zusammen mit der
verzweifelten Anstrengung sich nicht erinnern zu wollen, machten es ihm kaum
möglich sein Zimmer zu verlassen, in dem er ursprünglich nur für ein paar
Stunden geplant hatte zu bleiben. Vielleicht war es der Kampf gegen die
Erinnerungen, die in diesem Zimmer jederzeit präsent zu sein schienen, und die
er sich immer noch mit aller Kraft weigerte, zuzulassen; dieser Kampf , der ihm
den Willen nahm vorwärts zu gehen. Freiheit bedeutete für ihn auch Einsamkeit,
und in dieser Einsamkeit schienen seine Dämonen von Stunde zu Stunde an Stärke
zu gewinnen.
Den Wagen hörte er in einiger Entfernung anhalten,
leise Stimmen murmelten, bis der Wüstenwind die Geräusche verstreute und
weitertrug. Ein Reflex ließ ihn in einer schnellen, fließenden Bewegung
aufstehen und durch einen Spalt im Vorhang sehen. Zwei Männer ,die in Anzügen
bei diesen Temperaturen ausgesprochen unpassend gekleidet waren, stiegen aus dem
Auto, und wandten sich Jacks Hauswirt zu, der bereits auf sie zu wartete. Mehr
brauchte Jack nicht zu sehen. Jahrelange Übung in raschem, überlegten Handeln
ließen ihn automatisch funktionieren. Seine Müdigkeit verschwand an diesen Ort
in seinem Inneren, den er abriegeln konnte, wenn es sein musste. Rasch suchte er
seine wenigen Habseligkeiten zusammen, beseitigte offensichtliche Spuren seines
Aufenthalts und platzierte die Waffe im Gürtel, bevor er das Zimmer, das ihm zu
wenig Ruhe geschenkt hatte, verließ und sich auf den Weg machte, den er bereits
am ersten Tag seines Aufenthaltes festgelegt hatte. Nachdem er durch das schmale
Dachfenster geklettert und mit einem Sprung auf dem staubigen Boden des
Hinterhofes gelandet war, lief er, jede Deckung ausnutzend, zur Scheune des
Nachbarhauses, in der sich, wie er wusste, ein Truck befand. Ein Bündel
Geldscheine versteckte er in einem zerbrochenen Regal und stieg in den Wagen,
den er im Bruchteil einer Sekunde aufgebrochen und kurzgeschlossen hatte.
Langsam und geduldig fuhr er rückwärts aus der Scheune in Richtung Straße,
darauf achtend keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen. Erst einige hundert
Meter entfernt von der kleinen Ansammlung schäbiger Häuser mitten im Nirgendwo,
wagte es Jack Gas zu geben. Der Motor heulte auf und der Truck schoss über die
holprige Straße, gewährte ihm einen Moment des Aufatmens. * *
*
Wasser trieb ruhig und stetig gegen das Ufer in einem
gleichmäßigen, sich niemals verändernden Rhythmus. Das Rauschen der Wellen
wirkte beruhigend, friedlich, beinahe hypnotisch. Jack konnte den Blick nicht
vom Horizont wenden, versuchte die Grenze zu erkennen, die Meer von Himmel
trennte. Es war unmöglich, alles verschwamm in der Ferne in dunstigen blaugrau
schimmernden Tönen. Jack ließ den feinen Sand durch seine Finger rieseln. Er
hatte das Gefühl für Zeit verloren. Wie viele Wochen verbrachte er jetzt schon
in diesem abgelegenen Teil Mexikos? Er hatte aufgehört die Tage zu zählen. Was
für einen Zweck sollte es auch haben? Sie vergingen einer nach dem anderen,
eintönig und einsam, so einsam wie er in seinem ganzen, von Hektik, Anspannung
und Schmerz angefüllten Leben, noch nie gewesen war. Manchmal glaubte er sich in
einem Traum zu befinden, aus dem er jeden Moment wieder aufwachen konnte, um
wieder umgeben zu sein von Schrecken, Blut und Gewalt, umgeben von der Welt wie
er sie kannte. “Lass los, Jack, sieh nach vorne...,” versuchte er sich jedes Mal
zu sagen, wenn die Erinnerungen oder die Vorstellungen von dem, das, als Folge
seines Untertauchens, geschehen könnte oder geschehen würde, ihn zu überwältigen
drohten. Schon einmal, nach dem Tod seiner Frau, war er in diesen Abgrund
gestürzt, hatte sich von allem zurückgezogen. Aber damals waren noch Menschen,
die ihm etwas bedeuteten um ihn gewesen, Menschen, denen es schließlich gelungen
war, ihn wieder aus seiner Verzweiflung herauszuholen, ihm zumindest eine
weitere Chance zu geben. Auch als er mit seiner Drogensucht gekämpft hatte, er
war doch niemals vollkommen allein gewesen. Er hatte geglaubt, genau das wäre
damals sein Wunsch gewesen, doch nun wusste er es besser! Er wusste auch, dass
es bessere Orte für ihn gab, als ausgerechnet diesen Teil von Mexiko, und
dennoch konnte er sich nicht dazu bringen, weiter zu ziehen. Unbemerkt zuckte
ein Lächeln über seine Gesichtszüge bei dem Gedanken, was der zuständige
Psychologe in der CTU zu seinem Verhalten sagen würde, das alles hatte er nicht
nur einmal gehört. ‘Sein Bestreben sich ständig in Gefahr, in die Unmöglichste
aller Situationen zu begeben, wäre der sicherste Hinweis auf eine tief sitzende
Tendenz zu Selbstzerstörung.’ Zumindest diesen Sieg würde er eines Tages davon
tragen, und je länger er sich mit dem Zeichen der Salazars in der Haut
eingebrannt, sehen ließ, um so wahrscheinlicher wurde es, dass ihn jemand
wiedererkennen würde. Und genau das war der Grund, warum er blieb. Was sollte er
noch auf dieser Welt, wenn er das Schicksal nicht mehr herausfordern konnte,
egal wie kindisch und verantwortungslos dieses Verhalten auch sein mochte. Er
seufzte und bemühte sich die Trägheit, die ihn in ihren Klauen hielt,
abzuschütteln, und bei dem Vorsatz zu bleiben, den er schon seit Tagen in die
Tat umsetzen wollte. Es war Zeit sich bei Tony zu melden. Sie hatten in dem
Wirbel der Ereignisse seines letzten Tages als Jack Bauer, sich das gegenseitige
Versprechen abgenommen, in losem Kontakt zu bleiben. Anderes wäre für ihn
undenkbar gewesen, er musste sich vergewissern können, dass es Kim gut ging. Und
Tony hatte darauf bestanden, für den Fall, dass sich irgendetwas Neues ergeben
würde, eine Entwicklung einträte, durch die sich die Situation grundlegend
ändern könnte. Nur zu gern war er auf seinen Vorschlag eingegangen, vor allen
anderen war gerade Tony viel zu gut in seinem Job, als dass dabei irgendetwas an
Außenstehende durchsickern könnte. Nach dem Anruf würde er aufbrechen müssen und
sich ein neues Versteck suchen. Anderes wäre nach so kurzer Zeit schiere
Dummheit, davon abgesehen, dass er es niemals riskieren würde auch nur den
leisesten Verdacht auf den Freund zu lenken. Die Schatten sanken langsam, der
Wind wurde frischer, und Jack ertappte sich dabei, wie er sehnsuchtsvoll an die
Flasche Tequila dachte, die in seinem Zimmer im Schrank stand, und die ihm auch
in dieser Nacht wieder beim Einschlafen helfen würde. Doch vorher würde er mit
Tony sprechen.
Langsam schlenderte er in Richtung, des kleinen Fischerortes,
der seine Zuflucht geworden war, und stoppte vor der einzigen Telefonzelle, die
ein wenig versteckt neben einem verfallen wirkenden Gebäude, selbst so aussah,
als wäre sie nur noch ein Relikt aus früheren Zeiten, das mit dem Boom des
Mobilfunkes seinen Sinn und Zweck verloren hätte. Aber Jack war nur zu bewusst,
dass für einen großen Teil der Menschheit, ob hier oder anderswo, die Tatsache
überhaupt Zugang zu einem Telefon zu haben, eine Art von Luxus bedeutete.
Natürlich hatte er die Funktion getestet und bereits vor 24 Stunden an Tonys
Anschluss die verabredete Anzahl von Klingeltönen ertönen lassen. Er wusste,
dass Tony seinerseits, sollte nicht etwas Unaufschiebbares dazwischen gekommen
sein, an einer sicheren Leitung auf ihn warten würde!
Tony sprach
als Erster.
“Es ist gut deine Stimme zu hören.”
“Ja, deine auch.”
Ein
unangenehmes Schweigen entstand. Jack hatte nicht geglaubt, dass es ihm so
schwer fallen würde zu sprechen, und offensichtlich war es für Tony auch nicht
einfacher! “Ist alles in Ordnung?”
“Ja, und bei dir?”
“Auch!”
“Der
Familie geht es gut?” fügte Jack etwas unsicher hinzu!
“Alles bestens. Kein
Grund sich Sorgen zu machen!” Um ein Haar hätte Tony sich auf die Zunge
gebissen. Dieser letzte Satz könnte im schlimmsten Fall als ein Hinweis
aufgefasst werden. Und doch war es praktisch ausgeschlossen, dass jemand dieses
Gespräch mitbekommen würde, nicht nach all den Vorsichtsmaßnahmen, die Chloe und
er getroffen hatten. Trotzdem mussten sie sich daran erinnern, vorsichtig zu
bleiben. Aber die Erleichterung, die er aus Jacks Stimme heraushören konnte, war
das Risiko wert.
“Was macht die Arbeit?”
“Alles beim Alten, das übliche
Einerlei eben!”
Jack blieb eine Moment still. Also war Tony noch in engem
Kontakt zur CTU, eventuell doch wieder dort beschäftigt. Er wunderte sich ein
wenig, wollte aber nicht riskieren, dass sich ihre Unterhaltung zu sehr in die
Länge zog. “Ich muss wieder los. Du weißt ja, die Frau und die Kinder lassen
einem keine ruhige Minute! Aber wir hören wieder voneinander!” “Sicher!”
antwortete Tony mit so viel Wärme in seiner Stimme, dass Jack unwillkürlich
schlucken musste. “Pass auf dich auf, du weißt noch was der Arzt zu deinen
Cholesterinwerten gesagt hat?” “Ok, dann mach´s gut!”
“Ja, und du auch”,
wollte Tony noch hinzufügen, aber in der Leitung hatte es schon geklickt.
Zumindest wusste Jack nun, dass es Kim gut ging und konnte nach vorne blicken,
ein Gedanke, der Tony für den Freund hoffen ließ. Nach den versteckten Hinweisen
war er also im Süden, dabei, sich weiter in diese Richtung zu bewegen und bis
jetzt schien niemand etwas von dem Betrug zu ahnen. Zumindest das war
beruhigend. Tony seufzte, und begann mit der Hand seinen Nacken zu massieren.
Irgendetwas war an der ganzen Sache nicht richtig. Seine Intuition sagte ihm
überdeutlich, dass irgendetwas grundlegend schief lief. Er kannte Jack lange
genug, um im Ton seiner Stimme lesen zu können. Und doch konnte er an den
Tatsachen nichts ändern, zumindest jetzt noch nicht. Doch das musste nicht so
bleiben, nicht wenn es nach ihm ginge. Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf,
doch es gelang ihm diesen gleich wieder abzuschütteln. ‘Nein, Jack würde in
jedem Fall einen Bogen um Mexiko machen. Ausgeschlossen, dass er sich freiwillig
wieder in dieses Land begeben würde. Dafür saßen die Wunden zu tief.’ Und doch
wünschte Tony mit einem Mal, er hätte sich mehr dafür eingesetzt, dass Jack sich
diese Tätowierung, die ihn für alle Zeit an die Salazars zu ketten schien,
endlich entfernen ließe. Jacks Blick hatte sich jedesmal bei diesem Thema
verdunkelt, und letztlich hatte Tony es akzeptiert, dass ein selbstquälerischer
Teil seiner Selbst, ihn dazu zwang, sich diese Zeit immer wieder in Erinnerung
zu rufen. Tony stand auf. Es war Zeit nach Hause zu gehen, wo Michelle auf ihn
warten würde. So schwer es ihm auch fiel, alles andere musste warten. * *
*
Jack blickte in sein Glas mit der glänzenden Flüssigkeit, in
der sich das matte Licht der Glühbirne spiegelte. Die matte Erschöpfung, die ihn
den Tag über gelähmt hatte, wich mit jedem weiteren Schluck dem Gefühl der
tiefen Müdigkeit. Es würde nicht mehr lange dauern, und er würde nichts mehr
denken, nichts mehr fühlen. Er würde einfach nicht mehr existieren, und nichts
wünschte er sich sehnlicher. * * *
Die Luft in dem schäbigen
Mietwagen war unerträglich. Tony wünschte zum wiederholten Male, dass sich die
Fenster öffnen ließen, oder das Auto mit dem offenen Dach nicht schon vergeben
gewesen wäre. Mit der linken Hand wischte er sich den Schweiß von der Stirn und
wunderte sich wieder einmal, wie sehr er, trotz seiner lateinamerikanischen
Herkunft unter der drückenden Hitze litt. Aber es war nicht nur die Hitze, die
ihm zu schaffen machte, oder die Umwege, die er seit zwei Tagen nahm, um jedwede
Möglichkeit einer Verfolgung, auch wenn sie extrem unwahrscheinlich sein mochte,
definitiv auszuschließen. Unter ständigem Richtungswechsel näherte er sich in
weiten Kreisen den Koordinaten, die er während Jacks letztem Anruf hatte
ermitteln können. Und das war der eigentliche Grund für seine Sorgen, die
Tatsache, dass das unerklärliche Gefühl, das er seit Monaten nicht imstande
gewesen war, abzuschütteln, einer beunruhigenden Gewissheit gewichen war.
Oberflächlich gesehen war alles, den Umständen entsprechend, in Ordnung, keine
unerwarteten Vorkommnisse, die den Grund für eine Verdächtigung, egal welcher
Seite, geliefert hätten. Das war es auch, womit er Michelle und Chloe beruhigt
hatte, wenn sie abwechselnd, in jüngster Zeit allerdings immer seltener, mit
dieser einen Frage in ihren Augen, zu ihm gekommen waren. Es bestand nicht der
geringste Verdacht, dass Jack Bauer noch am Leben sein konnte, das Thema war
abgeschlossen, und für die wenigen Leute, die die Wahrheit kannten, blieb nur
noch, das Geheimnis für sich zu behalten, möglichst bis an ihr Lebensende. Ein
Umstand, mit dem sie sich alle ohne Bedenken bereit erklärt hatten zu leben.
Wenn, ja wenn nicht das Einzige eingetreten wäre, auf das er nicht vorbereitet
gewesen war. Nicht, dass Jack ihm während ihrer kurzen, vorsichtigen Telefonate
einen Hinweis gegeben hätte , sei es bewusst oder unbewusst. Er hatte jedesmal
geklungen, wie man es von jemandem erwarten konnte, der dem Tod oder Schlimmeren
gerade noch einmal entkommen war, und einen Neustart begann, ohne die Bande zu
seiner Familie restlos kappen zu können. Aber für Tony gab es keinen Zweifel,
dass Jacks jahrelange Übung im Verbergen der wirklichen Situation auch hier zum
Einsatz gekommen war. Es war ihm einfach unmöglich geworden den Gedanken
beiseite zu schieben, und Jack den Weg gehen zu lassen, den er anscheinend
gewählt hatte. Dazu bedeutete er ihm zu viel. Dazu schuldete er ihm zu viel.
Tonys Verdacht hatte sich endgültig bestätigt, nachdem es ihm gelungen war,
Jacks Aufenthaltsort zu lokalisieren. Danach hatte es ihn nicht viel Überlegung
oder Planung gekostet, um so schnell wie möglich aufzubrechen. Er hatte
verschiedene Spuren gelegt, Michelle, Bill und Audrey unterschiedliche Ziele
genannt und es war kein Problem gewesen einen Kurzaufenthalt ungeplanter Länge
mit der Vorbereitung einer längst überfälligen Operation zu begründen. Was auch
immer es war, das Jack in Mexiko festhielt, er würde ihm klar machen müssen,
dass es das Risiko nicht wert war. Die Hitze war unerträglich. Tony erinnerte
sich an seinen letzten Aufenthalt in diesem Land, es war ein Tag wie dieser
gewesen. Eine niederdrückende Schwüle lag in der Luft, raubte den Atem. Mit
Sicherheit würde es heute Nacht gewittern, er konnte es daran erkennen wie ihm
der Schweiß in Bächen herunterlief, als ob er das bevorstehende Regenwetter
vorwegnehmen wollte. Die Dämmerung begann sich anzukündigen und Tony erkannte,
dass er das Gebiet erreicht hatte, von dem aus Jack das letzte Mal mit ihm
gesprochen hatte. Der Ort war so versteckt und abgelegen, dass es im Grunde
nicht schwierig sein dürfte, einen Americano hier ausfindig zu machen. Es würde
reichen, Ohren und Augen offen zu halten. Er selbst würde nicht auffallen, aber
für Jack dürfte ein Gang durch die Gemeinde wie ein Spießrutenlauf aussehen.
Wieder fühlte sich Tony zurückversetzt in die Zeit, die Jack bei den Salazars
verbracht hatte, und an die vielen unklaren und beunruhigenden Eindrücke, die er
nach seinem letzten Besuch dort mit zurück in die CTU genommen hatte. Jacks Haut
war braungebrannt gewesen, fast ebenso wie die der anderen in Ramons
Organisation, wodurch seine Haare in der Sonne schon beinahe weiß erschienen
waren, seine Augen von einer Helligkeit und Größe, die er nie vergessen würde.
Dass Jack nicht er selbst gewesen war, war Tony spätestens bei diesem Anblick
klar geworden. Das waren nicht nur die Drogen und die Anspannung während einer
derart langen Mission gewesen, Jack war nahe daran gewesen sich selbst zu
verlieren, und es war nicht zu leugnen, dass er ein Stück von sich in diesen
Tagen unwiederbringlich verloren hatte. Tony zwang sich in der Gegenwart zu
verweilen und entschloss sich einen Platz für den Wagen und, wenn möglich, einen
Unterschlupf für die Nacht zu suchen. Entweder er hatte Glück, und fand Jack
noch bevor das Gewitter losbrach, oder er würde seine Suche weiter ausdehnen
müssen. Da sich nur einen kleinen Fußmarsch entfernt eine versteckte indianische
Kultstätte befand, die hin und wieder von wenigen Archäologen und Interessierten
aufgesucht wurde, gelang es Tony ziemlich schnell ein Zimmer für die Nacht und
Schutz für das Auto zu finden. Erleichtert, zumindest aus dem fahrenden
Gefängnis, in dem er den ganzen Tag verbracht hatte, befreit zu sein, begann er,
sich die bescheidene Ansammlung von Häusern genauer anzusehen. Zu seiner
Erleichterung war nicht das geringste Anzeichen für die Anwesenheit irgendeiner
Art von organisiertem Verbrechen zu entdecken. Zumindest sank damit die
Wahrscheinlichkeit, dass sich der Einfluss der Salazars bis hierhin erstreckt
haben könnte. Denn auch wenn die Anführer tot, und die Organisation zerschlagen
war, so blieb doch immer etwas zurück. Es existierten mit Sicherheit zahllose
unauffällige ehemalige Mitarbeiter, die jederzeit den Versuch wagen konnten, aus
den Resten einer Legende etwas Neues zu schaffen, und das nicht unbedingt ohne
Erfolg. Die Salazars hatten lange genug über einen Großteil der illegalen
Aktivitäten in diesem Lande geherrscht. Es wäre unklug anzunehmen, dass ihr Name
oder ihr Brandzeichen schon nach so kurzer Zeit in Vergessenheit geraten wäre.
Immerhin schien dies hier ein friedlicher, beinahe schon idyllischer Platz zu
sein, Tony fühlte sich fast versucht zu denken, dass Jacks Wahl ein geschickter
Schachzug gewesen sein könnte. Denn sollte, trotz allem der Gedanke aufkommen,
er könnte noch am Leben sein, so war Mexiko mit Sicherheit das letzte Land, in
dem man ihn vermuten würde. Es war immer noch unglaublich heiß, auch wenn sich
die herannahende Dunkelheit schon erahnen ließ. Die Luft schien in noch
stärkerem Maße aufgeladen zu sein. Tonys Haare klebten an seiner Stirn, und sein
Durst begann unerträglich zu werden. Die Häuser hatte er weitgehend umlaufen,
und war nun dort angekommen, wo der Ort an einen kleinen, dicht umwachsenen,
grün glänzenden See grenzte. Eine bunte Lichterkette mit mehreren kaputten
Birnen wies auf ein paar wackelige Tische und Stühle, an denen sich
offensichtlich einige Einheimische regelmäßig versammelten, um den Feierabend
einzuleiten. Noch war es zu früh und zu heiß, als dass sich dort mehr als zwei
Leute aufhielten, und wie das Wetter sich zu entwickeln schien, würde auch in
der Nacht nicht viel los sein. Tony bestellte ein Wasser, und genoss es, die
eiskalte Flüssigkeit seine Kehle hinunterlaufen zu lassen. ‘Was soll`s?’ dachte
er bei sich. Es war nicht so als, ob heute noch etwas passieren würde, und
Michelle war weit fort in einem anderen Land. Sie wäre nicht damit
einverstanden, aber andererseits, sie würde es auch nicht erfahren. Er besorgte
sich einen Tequila und stürzte ihn in einem kräftigen Schluck hinunter, bevor er
in die Zitrone biss. So gut hatte ihm schon lange nichts mehr getan. Er atmete
tief auf und spürte die Wärme in seinen Magen emporsteigen. Gerade wollte er
aufstehen, um sich noch einen Drink zu holen, als er ihn sah.
Es gab keinen
Zweifel, das blonde Haar, der Gang, er hatte ihn doch schneller gefunden, als er
bereit gewesen war zu hoffen. Gerade noch gelang es ihm, den Impuls
aufzuspringen und auf ihn zuzulaufen zu unterdrücken, als ihn etwas anderes
aufhielt und ihn veranlasste, reglos sitzen zu bleiben. Als Jack näher kam,
wurde Tony auch klar, was ihn irritiert, was sich an seiner Erscheinung so
extrem innerhalb der letzten Monate verändert hatte. Er musste überaus viel an
Gewicht verloren haben, und da er ohnehin Zeit seines Lebens schmal und
sportlich geblieben war, fiel die Art, wie das dunkle Hemd um seinen Oberkörper
hing, als wäre es mehrere Nummern zu groß, und die eng geschnittene Jeans, die
dennoch zu weit schien, ganz besonders auf. Und dennoch war der Gang forsch, die
Haltung aufrecht, so wie Tony es in Erinnerung hatte. Aber etwas anderes stimmte
nicht. Jacks Blick war leer, auch aus dieser Entfernung konnte er es unschwer
erkennen. Eine eiskalte Hand umfasste Tonys Herz, als es ihm blitzartig klar
wurde. Jack nahm seine Umgebung nicht bewusst wahr, nicht auf die Art, die ihm
zu seiner Natur geworden war. Er hatte Tony nicht bemerkt, und er achtete mit
Sicherheit auch in keinster Weise auf irgendetwas anderes, das sich um ihn herum
abspielte, ein Verhalten, das für jeden Agenten, der jemals im Feld tätig
gewesen war, undenkbar, und für Jack, solange er ihn kannte, niemals in Frage
gekommen wäre. Egal wie erschöpft, wie übernächtigt er sein mochte, auf Jacks
unbedingte Aufmerksamkeit und Konzentration, war hundertprozentiger Verlass. Nur
jetzt nicht! Was war mit ihm los? Tony stand auf, alle Vorsicht vergessend. Er
schuldete es ihm und sich selbst, alles zu versuchen, um zu erfahren was
geschehen war. Entschlossen trat er Jack in den Weg.
“Kennen wir uns,
Senor?”
Jack zuckte zusammen und wich unwillkürlich ein Stück zur Seite.
Seine Augen weiteten sich vor Erstaunen, als er sein Gegenüber erkannte. Doch
nur für den Bruchteil einer Sekunde, dann hatte er sich wieder im Griff. “Nicht,
dass ich wüsste, ich bin nicht von hier!” antwortete er auf Spanisch und zuckte
nachlässig mit den Schultern, bereit seinen Weg fortzusetzen. “Ich bin auch
nicht aus der Gegend. Anscheinend habe ich mich sogar etwas verfahren und bis
jetzt noch niemanden gefunden, der mir weiterhelfen konnte.” Jack sah ihn
forschend an.
Tony erwiderte seinen Blick mit einem harmlosen
Lächeln.
“Möchten Sie etwas trinken? Ich bezahle!”
“Zumindest bis das
Gewitter über uns hereinbricht,” setzte er hinzu, mit einem Blick auf den grauen
Dunst, der von der gegenüberliegenden Seite des kleinen Sees langsam aber stetig
herüberzog. Ohne Jacks Zögern Beachtung zu schenken, ließ er sich zwei Gläser
und eine Flasche aushändigen und setzte sich wieder. Er füllte beide Gläser, und
teilte eine der bereitstehenden Zitronen in zwei Teile. Endlich entschloss Jack
sich ebenfalls Platz zu nehmen.
“Was soll das?” zischte er beinahe unhörbar
und griff nach der glänzenden Flüssigkeit.
Tony lehnte sich zurück und nickte
ihm, wie er hoffte, beruhigend zu.
Jack stützte sich mit einem Ellbogen auf
den Tisch in dem Versuch seine Lippenbewegungen zu verbergen. “Ist etwas mit
Kim?” fragte er, wobei er vergeblich versuchte die aufsteigende Panik in den
Griff zu bekommen. Tony schüttelte den Kopf und schloss beide Augen in stummer
Versicherung. Natürlich hätte er daran denken müssen, dass Jack zu aller erst
mit dieser Möglichkeit rechnen würde. “Meine Leute wissen gar nicht wie gut sie
es haben, in diesen Breitengraden herrschen wirklich unglaubliche Temperaturen.
Ich glaube, kein Geld der Welt würde meine Familie hier auch nur ihren Urlaub
verbringen lassen,” ließ er beiläufig verlauten. Zum ersten Mal zuckte ein
kurzes Lächeln über Jacks Gesichtszüge, nur einen kurzen Moment, dann war es
wieder verschwunden. “Also, ich fürchte, dass ich Ihnen nicht viel weiterhelfen
kann. So gut kenne ich mich hier auch nicht aus.” Er hob sein Glas und leerte es
in einem Zug.
Tony griff nach der Flasche und füllte es sofort wieder bis zum
Rand auf.
“Immerhin ist hier der richtige, wenn nicht der einzige Ort um
guten Gewissens Tequila zu trinken!” Jack sah in ausdruckslos an. Er sagte kein
Wort, und doch konnte Tony seine Gedanken spüren. Es hatte eine Zeit in seinem
Leben gegeben, in der er sich mit Hilfe des Alkohols hatte zerstören wollen,
eine Zeit, die für ihn schwerer gewesen war, als alles Vorangegangene. Ohne
Jacks Hilfe und ohne Michelle hätte diese Zeit sein Ende bedeuten können, dessen
war er sich immer bewusst geblieben. Doch er wusste auch, dass Jack der Letzte
war, der ihm irgendwelche Vorhaltungen machen würde. Wenn jemand das Gefühl
kannte am Abgrund zu stehen, dann war er es. Tony umfasste sein Glas, doch er
zögerte es anzuheben. Vor Jahren schon hatten sie zusammen getrunken, noch bevor
sie begonnen hatten sich zu vertrauen, noch bevor sie Freunde geworden waren.
Nach Teris Tod, nachdem sie beide von Ninas Verrat bis in ihre Grundfesten
erschüttert worden waren, war beinahe unbemerkt eine Art Ritus entstanden. Ohne
eine Übereinkunft oder Verabredung hatten sie sich in regelmäßigen Abständen
getroffen und manchmal fast ohne Worte oder Blicke nebeneinander gesessen,
verbunden nur durch eine offene Flasche Whiskey, deren Inhalt im Laufe des
Abends rapide abnahm. Es war das erste Geheimnis, das sie miteinander geteilt
hatten. Der Wunsch nach Kontrollverlust, den keiner von ihnen jemals zugeben
würde, schon allein, da er in ihrem Beruf fatale Folgen haben konnte. Also
schwiegen sie darüber, schwiegen über ihr Bedürfnis, von Zeit zu Zeit der
Realität zu entkommen und die Welt, wenn auch nur für ein paar Stunden leichter
ertragen zu können. Es war Jahre her, und Tony hatte keine Ahnung, wieso ihn
ausgerechnet in diesem Augenblick Erinnerungen aus der Vergangenheit einholten.
Doch nach einem Blick in Jacks Gesicht war ihm klar, dass sich auch Jack mit
seinen Gedanken nicht im Hier und Jetzt befinden konnte. Er starrte mit leeren
Augen an ihm vorbei, offensichtlich vollkommen in seiner eigenen Welt. Wieder
fragte sich Tony welche Welt es sein mochte, aus der Jack sich nicht zu lösen
vermochte, möglicherweise nicht, seitdem er Los Angeles zum letzten Mal
verlassen hatte.
In der Ferne erklang Donnergrollen. Tony
fröstelte. Der Wind hatte aufgefrischt, sandte ein Brausen durch die dichten
Bäume, die begannen, sich unruhig seiner Macht zu beugen, trocknete den Schweiß
auf seiner Haut, bis ihn schauderte. Doch die Kälte, die ihn die Natur spüren
ließ, war nichts im Vergleich zu der Kälte, die sein Herz erbarmungslos
umklammerte, sobald er die Augen hob und in Jacks Gesicht blickte. Dunkelheit
kroch herauf, griff mit ihren langen Schatten nach ihnen, ließ Jacks Gesicht
noch bleicher aufleuchten, als es ihm in den ersten Augenblicken erschienen war.
Er wirkte wie ein Gespenst, verloren zwischen grauen Wolken, schmal und
hohlwangig, mit dunklen, leeren Augen, die nichts auszudrücken vermochten.
“Jack... ,“ Tony wusste nicht mehr was er noch sagen sollte. Statt seiner sprach
die Natur, heulte ihren Unmut, ihre Verzweiflung hinaus, als könnte sie dadurch
irgendetwas ändern. Die ersten Tropfen fielen, düster und schwer. Flinke Hände
huschten über die Tische, entfernten Gläser und Flaschen, wie aus weiter Ferne
erklangen spanische Anordnungen, Bitten den Arbeiten auszuweichen. Ein Blitz
zuckte, und riss Tony endlich in die Gegenwart zurück. “Komm Jack - wir gehen!”
“Ja... “. Jack richtete sich auf und blickte zur Seite. Doch Tony hatte das
verräterische Glitzern in seinen Augen beinahe instinktiv wahrgenommen, und so
sehr es ihn erschütterte, so sehr spürte er auch die Erleichterung, die ihm das
Bewusstsein verschaffte, in Jack noch Emotionen wahrnehmen zu können. Er wusste,
dass das nicht selbstverständlich war. Vorsichtig, wie um ihn nicht
abzuschrecken, fasste er ihn an der Schulter und zwang sich zu einem
aufmunternden Lächeln. “Höchste Zeit vor dem Unwetter Schutz zu suchen!” Er
schob ihn sanft vorwärts, erschrocken darüber wie deutlich seine Wirbelsäule
unter dem dünnen Hemd zu ertasten war. Auch Jack zitterte nun. Der Sturm
wirbelte Staub, Blätter und Tischdecken durcheinander, verknotete die
Lichterketten, die eilig entfernt wurden und zerrte an ihrer Kleidung. Kurz
entschlossen packte Tony ihn am Arm und zog ihn mit sich, suchte Schutz zwischen
Häusern und Mauern, drängte weiter, bis sie das Haus erreichten, in dem ein
Zimmer auf ihn wartete. Nass bis auf die Knochen traten sie ein, Tony ergriff
einen der beiden vorhandenen Zimmerschlüssel und bemühte sich in der plötzlich
eingetretenen Schwärze der Nacht die Tür zu öffnen. Klamme Hände umfassten mit
einem Mal die Seinen. Mit schlafwandlerischer Sicherheit zwang Jack den
Schlüssel zu einer Umdrehung und die Tür öffnete sich mit einem Knarzen. Ein
Blitz erhellte das Zimmer für einen kurzen Moment, und Tony entdeckte ein
Funkeln in Jacks Augen, oder auch nur ein Spiegeln der Naturgewalten, die von
Mauern und Fenstern mühsam zurückgehalten wurden. Aber dann hörte er eine
Stimme, die ihm versicherte, dass der Funke lebendig gewesen, dass sein Freund
sich hier bei ihm befand, in diesem Zimmer, in diesem Sturm, in diesem Land.
“Zusammen schaffen wir das.”
Die nackte Glühbirne flackerte,
aber es gelang ihr ein trübes Licht zu verbreiten. Jack zitterte wieder. In
raschem Gang durchschritt Tony den Raum, öffnete den Verschluss seiner
Reisetasche, zog ein paar trockene Kleidungsstücke und ein Handtuch heraus und
warf sie in seine Richtung. “Zieh lieber das an,” fügte er hinzu, und bemühte
sich gleichzeitig seine nassen Locken trocken zu rubbeln, bevor er sich
ebenfalls seiner feuchten Sachen entledigte. Jack war bereits fertig, hatte sich
in Ermangelung einer anderen Sitzgelegenheit auf das Bett gesetzt, die Knie
angezogen und mit seinen Armen umfasst, als versuche er sie zu wärmen. Das
sparsame Licht warf hier und da ein Glitzern in seine weichen, blonden Strähnen,
die durch die gnadenlose Sonne Mexikos ausgebleicht und ungewohnt hell
erschienen. Und Tony verspürte wieder den vertrauten Wunsch ihn zu halten, zu
trösten und ihn nicht mehr loszulassen, bis die Dämonen, die ihn jagten, sich
verkrochen haben würden. Dass sie niemals vollkommen verschwinden würden, wusste
er, denn es waren die selben, die ihm auflauerten, in den Momenten, in denen er
sich am sichersten vor ihnen glaubte. Und er wusste auch, dass er nur von einem
Bruchteil der Heerscharen heimgesucht wurde, die Jack verfolgten. Fast hätte es
in seinen Mundwinkeln gezuckt, als er sich daran erinnerte, wie er von Jack
gedacht hatte, noch bevor ihm all das nach und nach klar geworden war, bevor die
Erkenntnis wie ein steter Tropfen in seinen Verstand eingesickert und ihn zu
einem anderen Menschen gemacht hatte. Noch vor seiner Zeit mit Nina, während der
sie seine Eifersucht beinahe zu Feinden gemacht hätte, war er regelmäßig durch
Jacks Verhalten irritiert worden. Seinen harschen Kommandoton hatte er immer
wieder fälschlicherweise als Arroganz eingestuft, die ihn zugleich abgestoßen
und verunsichert hatten. Erst viel später war ihm klar geworden, dass Jack die
Gabe besaß, sich ausschließlich und ohne Rücksichtnahme auf eine Sache zu
konzentrieren, alles andere vollständig auszublenden, bis er sein gesetztes Ziel
erreicht hatte. Und sehr häufig gelang ihm das, wenn auch immer wieder zu einem
sehr hohen Preis. Damals war er ihm unheimlich gewesen, er hatte etwas in ihm
gesehen, das sein ständiges Misstrauen geweckt hatte. Von seinem Posten im
Inneren der CTU aus beobachtet war ihm der jüngere Mann mehr als einmal unstet
und gefühlsgeleitet erschienen, ganz zu schweigen von seiner permanenten
Angewohnheit die Regeln außer Acht zu lassen. Seine Berichte waren trotzdem
stets fehlerlos, seine Aufträge meist erfolgreich ausgeführt worden. Und dennoch
gab es ungewöhnlich viele Grauzonen in seinen Akten, Berichte, die verschlossen,
Jahre in seinem Lebenslauf, die der Geheimhaltung unterlagen, und Verbindungen,
die unerklärlich erschienen. Erst später war ihm klar geworden, dass sein
Interesse an Nina erst geweckt worden war, nachdem er Jacks Beziehung zu ihr
wahrgenommen hatte. Lange Zeit war er der Meinung gewesen, dass seine
Konzentration auf Jack in erster Linie auf dem Wunsch beruhte die CTU zu
schützen, erst viel später hatte er erkannt, dass es schon damals mehr gewesen
war. Und obwohl sie mehr als einmal heftig aufeinander gestoßen waren, sich
immer wieder ohne Rücksicht bekämpft hatten, war dort von Anfang an diese
unausgesprochene, unsichtbare Verbindung gewesen, dieses Band, das sie
aneinander kettete, und das auch Jack, wie er in einem stillen Moment nach
vielen Jahren zugegeben hatte, stets spürte, egal wie unerbittlich der Sturm um
sie herum auch toben mochte.
Der Wind heulte durch den kleinen
mexikanischen Ort, Regen prasselte mit unerbittlicher Wucht gegen die bebenden
Fensterscheiben, durch die zahlreichen Ritzen des Gemäuers sickerte die
ungewohnte Kälte stetig in den kleinen Raum, in dem Tony und Jack Zuflucht
gesucht hatten. Obwohl es keinen Unterschied zu machen schien, bemühte sich Tony
die dünnen Vorhänge so gut wie möglich zu schließen, als wäre er auf dieser Art
in der Lage ein wenig Wärme zu bewahren. Jack starrte an die gegenüberliegende
Wand, offensichtlich in seinen Gedanken weit entfernt von diesem Ort, die Augen
groß und dunkel, die Knie angezogen, den Körper angespannt, als wollte er die
Welt um sich herum ausschließen. Tony schluckte bei den Erinnerungen an die
ungezählten Male, die er ihn so gesehen hatte, nach Teris Tod, vor und nach
Mexiko, unter dem Einfluss starker Drogen oder wenn der Entzug ihn bis an seine
Grenzen gebracht hatte. Er spürte wie seine Hände zu zittern begannen, und
wusste, dass diesmal nicht die Kälte der Grund dafür sein konnte. Ein
plötzlicher Entschluss ließ ihn zu seiner Reisetasche zurückkehren, aus derem
Inneren er eine sorgfältig eingewickelte Halbliterflasche Whiskey ans Licht
beförderte. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, was ihn dazu bewogen
hatte, sich diese, während der langen Fahrt zu besorgen, er hatte aus Instinkt
gehandelt, ohne darüber nachzudenken. Vielleicht hatte ihn auch die Aussicht
getrieben lange Abende alleine verbringen zu müssen, ohne eine Spur von Jack zu
entdecken, oder weitaus schlimmer - die Angst davor, was er auf seiner Suche
unter Umständen entdecken würde. Auf jeden Fall war er jetzt mehr als froh über
diese kleine Hilfe, über jede Möglichkeit sich vor der tobenden Natur da draußen
einen, wenn auch noch so zerbrechlichen, Schutzwall zu errichten. Er öffnete den
glänzenden Verschluss und setzte sich mit einem Seufzen neben Jack auf das Bett.
Die Glühbirne flackerte wieder, gleichzeitig durchschnitten Blitz und Donner die
Luft, ließen Elektrizität spürbar und sichtbar werden. Tony fühlte wie Jack
unbewusst den Atem anhielt, als er sich ihm näherte. “Hier, trink etwas. Dann
wird dir wärmer!” Jack sah ihn nicht an, als er nach der Flasche griff und ein
paar tiefe Schlucke nahm. Er hustete trocken, aber führte den Flaschenhals
sofort wieder zum Mund, als würde sein Leben davon abhängen. Tony beobachtete
ihn, der Duft des Alkohols betäubte seine Sinne, wenn auch nicht genug, um nicht
den vertrauten Geruch seines Freundes wahrzunehmen, an den er sich die letzten
Wochen verzweifelt zu erinnern versucht hatte. Endlich schien Jack genug zu
haben. Er lehnte sich zurück und ließ den Arm mit der Flasche in seinen Schoß
sinken. Tony ergriff sie und hob sie empor, als er das Leben in Jack
zurückkehren spürte. “Nicht, Tony!” Jack versuchte ihm den Whiskey zu
entziehen.
“Das ist in Ordnung, Jack!” Tony wollte ihm zulächeln, aber seine
Gesichtszüge wollten ihm nicht gehorchen. “Nein, das ist es nicht. Für dich
nicht!” flüsterte Jack, beinahe unhörbar und umfasste Tonys Finger mit den
Seinen, beugte sich zu ihm hinüber, um die Flasche auf dem Boden abzustellen.
Tony spürte die Berührung wie ein Brennen, trockene Haut auf seiner, ein
Oberkörper, der an seiner Brust lehnte, ein Bein, das sich an das Seine presste,
und direkt vor ihm das seidige Haar, die Gesichtszüge, die einerseits so weich
und dann wieder so hart sein konnten, und die er so sehr vermisst hatte, dass es
ihm körperlichen Schmerz verursachte. Mit seiner freien Hand griff er in Jacks
Haar, zog ihn näher an sich, atmete den ersehnten Geruch, suchte mit seinen
dunklen Augen die des anderen. Sein Verlangen flackerte auf, verschmolz mit der
Sehnsucht, die sie mit einem Mal beide überwältigte, bis ihre Lippen sich
endlich zu einem leidenschaftlichen Kuss trafen, der sie wie Feuer durchfuhr,
ihre Glieder erzittern und ihre Herzen stehen blieben ließ. Tony vergrub seine
Hände in Jacks Haaren, küsste ihn, als wolle er ihn niemals wieder gehen,
niemals wieder zu Atem kommen lassen, umschlang ihn mit seinem Körper, fühlte,
dass er ihn festhalten wollte für die Ewigkeit. Jack klammerte sich an ihn, wie
ein Ertrinkender, seine Hände glitten unter das Shirt seines Freundes,
liebkosten mit rauhen, lang entbehrten Bewegungen die glatte Haut, fuhren hinauf
bis zu seinem Hals um sich in den schwarzen, dichten Locken zu verirren, und
wieder hinunter bis sie an der Vorderseite seiner Jeans zu nesteln begannen.
Tony versuchte nach Luft zu ringen, sein Herzschlag trommelte und er saugte
zärtlich erst an Jacks Ober- und dann an seiner Unterlippe, bevor er den Kuss
vertiefte, seiner Zunge Einlass verschaffte und seiner Leidenschaft Raum
gewährte. Seine Hände nahmen von Jacks Körper Besitz, erkundeten jedes Stückchen
Haut, das sie erreichen konnten, bis sein Verlangen ihn überwältigte und er den
jüngeren Mann mit einer einzigen, kräftigen Bewegung auf seinen Rücken warf und
mit Hilfe seines Gewichtes dort regungslos hielt. Jacks Handgelenke befanden
sich in seinem festen Griff, seine Augen hypnotisierten ihn, hielten ihn in
seinem Bann. Beide atmeten schwer, ihre Gesichter nur ein winziges Stück
voneinander entfernt, so nah, dass sie ihren Atem teilten.
“Bitte, Tony!” Wie
ein Hauch, verschluckt vom Tosen des Sturmes, erahnte er die Worte mehr, als
dass er sie hörte, verschloss die geschwungenen Lippen mit seinem heißen Mund
und ließ seine Leidenschaft jeden Gedanken hinfort waschen. * * *
Die Sonne hatte ihr flammendes Haupt noch nicht über den
Baumwipfeln erhoben, und dennoch war die Verwüstung, die der Sturm angerichtet
hatte, bereits deutlich zu erkennen. Blätter, Äste, Zaunlatten und Gegenstände,
deren ursprüngliche Herkunft nicht mehr auszumachen war, lagen in wüstem
Durcheinander verstreut. Die Luft erschien ihm kühl, der Druck, der über ihnen
gelauert hatte, war wie von Geisterhand verschwunden, davongetragen von der
Macht der Elemente. Die Welt war ein verlassener Ort, grau und verloren, atmete
Einsamkeit.
Tony lehnte an der Hauswand, die Augen geschlossen, fühlte die
Frische des Morgens und wünschte, sie könnte auch seine brennenden Gedanken
vertreiben. Er spürte noch Jacks Berührung auf seiner Haut, die heißen Küsse,
die jeden Zentimeter seines Körpers bedeckt, ihn zur Ekstase gebracht hatten,
bis er sicher gewesen war, es nicht mehr ertragen zu können. Und nun wusste er,
dass er es nicht mehr ertragen konnte, wusste, dass es ihm nicht mehr möglich
sein würde, von ihm getrennt zu sein. Sein Atem entwich in einem langen Seufzer,
als er versuchte den beißenden Schmerz hinter seinen Lidern zu ignorieren. Es
gab keinen Ausweg für sie, für ihn, und wenn es einen geben sollte, dann konnte
er ihn nicht finden. Und doch war es an ihm, und an ihm alleine die Dinge in die
Hand zu nehmen. Er würde Entscheidungen treffen müssen, die er nicht treffen
wollte, deren unausweichliche Folgen in Leid und Gefahr bestehen würde. Er
öffnete trotz oder wegen des Stiches, der ihn wie ein Messer durchfuhr, die
Augen und starrte tränenblind in das neu geborene Licht, sicher, dass es nicht
die ersten Strahlen der Morgensonne waren, vor denen die salzige Flüssigkeit ihn
schützen wollte.
Jack hatte den ganzen Tag geschlafen.
Bewegungslos, beinahe starr, war er vollständig weggetreten gewesen, kein
einziger Versuch Tonys ihn zu wecken, hatte daran etwas ändern können. Wäre
nicht das leise, unmerkliche, nur für das geübte Auge wahrnehmbare Heben und
Senken des Brustkorbes und ein gelegentliches Zucken, ausgelöst durch einen
seiner Träume, gewesen, er hätte ihn für tot halten können. Tony konnte sich
daran erinnern, ihn schon einmal so erschöpft gesehen zu haben. Es war nach
Jacks zweitem Aufenthalt in Mexiko gewesen, nach der Geschichte mit dem Virus,
nachdem er den Entzug, ebenso wie die Geister der Salazar Brüder überwunden zu
haben schien, und nachdem er selbst aus dem Gefängnis entlassen worden war. Sie
hatten sich danach gesehen, hatten sich festgehalten, als würden sie sich
niemals wieder loslassen wollen. Worte waren unnötig gewesen, sie hatten alles
mit ihrem Körpern gesagt, sich gegenseitig den ersehnten Trost gespendet,
Frieden gefunden, wenn auch nur für kurze Zeit. Doch es schien ausgereicht zu
haben, um die Spannung aufzulösen, die Jack, solange er ihn kannte, nie mehr als
ein paar wenige Stunden unruhigen Schlafs, gegönnt hatte. Zuerst hatte er sich
Sorgen gemacht, versucht ihn zu wecken, aber schließlich war ihm bewusst
geworden, welch ein Geschenk dieses tiefe Vergessen für jemanden wie Jack sein
konnte, der normalerweise zu jeder Tages und Nachtzeit in der Lage sein musste
von einer Sekunde auf die andere, perfekt zu funktionieren, und für den deshalb
ein rückhaltloses Entspannen im Lauf der Zeit ein Ding der Unmöglichkeit
geworden war. Und dann hatte er sich zu ihm gelegt, hatte stundenlang nur sein
Gesicht betrachtet, fasziniert von der Weichheit seiner Züge, die im Wachzustand
verborgen war, versteckt hinter der rauhen Schale, dem barschen Ton, der
gelegentlichen Brutalität seines Handelns. Aber in diesem tiefen Schlaf
verschwand all das, ein jungenhafter Ausdruck trat in den Vordergrund. Der Hauch
von Unschuld wurde durch das seidene Blond seines Haares noch verstärkt, ließ
die wettergegerbte Haut, die Linien, die das Leben in Stirn und um die Augen
gegraben hatte, vergessen. Wieder fand er sich in diesen Anblick, den er so
lange herbeigesehnt hatte, versunken, wünschte sich ihn zu wecken, aber brachte
es nicht fertig seinen Schlaf zu unterbrechen. Ein Blick aus dem Fenster zeigte
ihm, dass die Sonne beinahe untergegangen war, ihr mildes Licht tauchte das
Zimmer in warme Farben, setzte goldene Akzente in Jacks Haar, vertiefte die
Schatten, die ihn umgaben. Plötzlich versteifte er sich, zuckte zusammen, als
hätte er etwas gehört, und schlug die Augen auf. Ihre Blicke trafen sich. Tony
lächelte sanft und wollte auf ihn zugehen, aber die angespannte Konzentration,
die mit einem Mal von Jacks gesamten Körper Besitz ergriffen hatte, hielt ihn
unwillkürlich davon ab. Jack fuhr mit einem Ruck in die Höhe.
“Sie kommen,”
murmelte er, blinzelte zweimal, bevor er in der Lage war sich zu orientieren.
“Wer kommt,” lächelte Tony, worauf ihm Jack lediglich einen verwirrten Blick
zurückwarf und schließlich mit einer wegwerfenden Handbewegung antwortete.
“Vergiss es! Traum!” Er schwang die Beine aus dem Bett und stand auf. Sofort
nahm sein Gesicht einen kreideweißen Farbton an, und er taumelte unmerklich
vorwärts bei dem Versuch aufrecht zu bleiben. Tony war im selben Augenblick an
seiner Seite, hielt ihn sicher und drängte ihn sich wieder zu setzen. “Nur keine
Eile,” flüsterte er in sein Ohr. Jack schüttelte nur den Kopf. “Mein Kreislauf.
Wird gleich wieder.” Tony nickte, blieb aber nichtsdestotrotz neben ihm sitzen,
den Arm unterstützend um seine Hüfte gelegt. Eine Weile schwiegen sie, dann
lehnte sich Jack an Tonys Schulter und schloss die Augen. “Es geht schon, alles
in Ordnung.” “Nein, das ist es ganz und gar nicht.” Tony hob seine freie Hand
und strich ihm die wirren Haare aus den Augen, die noch keine Anstalten machten
sich zu öffnen. “Was meinst du,” wisperte Jack, beinahe unhörbar.
Tony atmete
ein paar mal entschlossen ein und aus, als wollte er Mut sammeln für den
Vorschlag, den er unterbreiten wollte. Er neigte sich zu Jack und küsste ihn
sanft, kostete zärtlich seine Lippen, bis sie sich zögernd öffneten, Münder und
Zungen miteinander verschmolzen, bis das Bedürfnis Luft zu holen sie zwang, sich
widerstrebend voneinander zu trennen. Tonys Hände wanderten über seine Haut,
vergruben sich in den goldenen Haaren, während sein Mund die geschwungene Linie
zwischen Ohr und Schulter nachzeichnete. Jack seufzte und schmolz merklich in
der sanften Berührung. Die Augen immer noch geschlossen umschlangen seine Arme
Tonys Oberkörper, tasteten lange Finger über sein Shirt, bis sie den weichen
Stoff beiseite schieben und glatte Haut über harten Muskeln fühlen konnten. “Ich
werde dich nicht noch einmal gehen lassen.” Langsam sanken die Worte in sein
Bewusstsein, bis ihre Bedeutung Jack erschauern ließ. “Tony...”. Die im Licht
der Abenddämmerung türkisfarben leuchtenden Augen hatten sich geöffnet, fanden
Antworten ihn ihren dunkel glitzernden Gegenübern. Tony senkte schließlich den
Blick, vergrub sein Gesicht in Jacks Nacken und hauchte, beinahe unhörbar: “Komm
mit mir nach Hause!” Jack flüsterte zurück. “Es gibt kein Zuhause für mich, du
weißt das.”
“Dann lass es mich für uns schaffen.”
Ein Laut erklang, der
am ehesten noch einem Schluchzen ähnelte und als Tony aufsah, standen Jacks
Augen voller Tränen. “Du weißt, dass es unmöglich ist.”
Tonys Umarmung
verstärkte sich, als er antwortete. “Ich weiß, dass das hier unmöglich ist.” Er
berührte Jacks Wange, streifte sein Kinn, ließ die Hand schließlich zärtlich auf
seinem Hals ruhen. “Ich weiß, dass es unmöglich für mich ist, auch nur einen
weiteren Tag zu ertragen, an dem ich nicht weiß, wo du bist, ob du in Sicherheit
bist, wie es dir geht.” Sein Mund wanderte wieder noch oben, verweilte bei Jacks
Ohrläppchen, an dem er sanft zu knabbern begann, eine Liebkosung, die bewirkte,
dass merkliche Schauer durch seinem Körper fuhren. “Lass mich dir helfen.
Amerika ist ein weites Land, ich finde einen Ort für dich. Einen Ort, an dem ich
dich sehen kann. Einen Ort, an dem du leben kannst. Einen Ort, an dem wir
zusammen sein können.” “Du wärst in Gefahr.”
Tony Mundwinkel zuckten, bevor
er ihm den Mund mit einem Kuss verschloss.
“Mit Gefahr kann ich umgehen.”
“Michelle?”
Einen Augenblick verdunkelte sich sein Gesicht. “Sie wird
nichts erfahren. Ich finde eine Lösung.” Jack lehnte sich zurück in Tonys Arme.
“Niemand darf verletzt werden.”
“Ich weiß.” Tony hielt ihn so fest, dass es
ihn beinahe schmerzte. “Das wird nicht passieren. Wir finden einen Weg.” Er
zögerte. “Alles ist möglich, wenn ich nur bei dir sein kann.” “Du willst das
wirklich,” stellte Jack, beinahe ungläubig fest. “Tony, das ist ... “. Er
stockte. Tony nahm sein Gesicht in beide Hände und ließ seinen Blick über die
vertrauten Züge wandern, bis er mit dem des Geliebten verschmolz. “Verrückt, und
gleichzeitig die einzige Möglichkeit den Verstand zu behalten.”
Jacks
Augenlider flatterten und er versuchte den Blick zu wenden, aber Tony hielt ihn
in unerbittlichem Griff, weigerte sich ihn frei zu lassen. “Lass uns Folgendes
klarstellen, Jack,” fuhr er mit fester Stimme fort.
“Ich werde diesen Ort
nicht ohne dich verlassen, was du auch sagen oder tun wirst, nichts kann an
diesem Entschluss etwas ändern. So stark du auch zu sein glaubst, so stark du
auch bist, in diesem Fall bin ich der Stärkere, und du weißt es.” Jack
blinzelte, wand sich, Unbehagen leuchtete in seinen Augen.
“Hör mir zu! Wir
beide haben so viele Schwierigkeiten gemeistert, sind durch so viel gemeinsam
gegangen, dass ich nicht mehr gewillt bin, das, was wir teilen, vorübergehen zu
lassen, egal wie sehr du dich wehren oder in deinem Stolz verletzt fühlen magst.
In diesem einen und vermutlich auch einzigen Punkt, wirst du auf mich hören.”
Tony starrte ihn beschwörend, beinahe hypnotisch, an. “Ich weiß, wie wichtig es
dir ist die Kontrolle zu behalten, und zumeist ist es auch das Klügste, sie dir
zu überlassen, aber... “. Unerwartet ließ er los, streifte nur vorsichtig das
weiche Haar, als Jack den Kopf senkte und zu Boden blickte. Er atmete tief ein
und setzte dann resolut hinzu: “Aber in diesem Fall ist es an mir eine
Entscheidung zu treffen.” Tony erhielt lange Zeit keine Antwort, er beobachtete
wie sich Jacks Brust hob und senkte, in dem vergeblichen Versuch, die Fassung zu
wahren. Mit einem plötzlichen Entschluss schlang er beide Arme um ihn, zog ihn
wieder an sich und flüsterte in sein Ohr. “Du kannst es nicht, Jack. Ich sehe
doch, was mit dir los ist. Lass mich dir helfen. Nur dieses eine Mal.” Die Haare
in seinem Nacken kribbelten, als kühle Hände seinen Rücken hinauf wanderten, als
sich tränenfeuchte Wangen an seinen Hals schmiegten. “Aber nur dieses eine
Mal!”
Ende